Afghanistan – Das Ende der NATO-Intervention

Afghanistan – Resümee nach 20 Jahren NATO-Intervention

Chaos, Enttäuschung, Verzweiflung – Die Nachrichten aus Afghanistan überschlagen sich in den letzten Tagen. Hier kommt die 15-jährige Afghanin Zahra Tohidi von @AfghanistanNotSafe zu Wort. Und ihre Einschätzung der Lage ist eindeutig:
Die Welt hat versagt.

26.08.2021

Afghanistan

Hauptstadt: Kabul
Sprachen: Die Amtssprachen sind Paschto und Dari. Es gibt auch 49 weitere gesprochene Sprachen und über 200 Dialekte.
Einwohner:innen: 38 Mio. (2019) – im Jahr 2021 starben viele Menschen im Kampf mit und durch die Taliban oder sind geflüchtet. 

Schon gewusst?

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Zwischen Reformen und Terror

Afghanistan ist ein Land mit weit in die Vergangenheit zurückreichender Geschichte. Es war ein sehr modernes Land. Frauen waren nicht zum Tragen eines Kopftuchs (Tschadar) oder einer Ganzkörperverhüllung (Tschaderi) verpflichtet. Es gab alles, was einen modernen Staat ausmachte: Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, und vieles mehr.

1933 folgte nach der Ermordung seines Vaters Mohammed Zahir Schah an die Spitze des konstitutionellen Königreichs Afghanistan. Er startete eine demokratische Reformoffensive. So wurden Wahlen und ein Zwei-Kammern-Parlament eingeführt, Frauen erhielten das Wahlrecht, die Infrastruktur wurde modernisiert und die Pressefreiheit etabliert. Diese am westlichen Europa orientierte Politik war unter der afghanischen Bevölkerung aber auch nicht unumstritten.

Aller Aufbruchsstimmung zum Trotze, kam im Jahr 1994 die Gruppe namens Taliban auf. Es ist eine Gruppe aus Terroristen. Diese Gruppe kam mit dem Ziel in das Land, Afghanistan zu islamisieren. Was hieß, dass Frauen nach ihren Regeln Tschaderi tragen mussten. Sie waren erst eine kleine Gruppe. Vielleicht hätte man sie gar nicht weiter wahrgenommen. Allerdings sorgten sie dafür, dass man dies tat: Sie zerstörten das nationale Symbol Afghanistans, die Buddha-Statue in Bamyan. Für die Taliban war dieses Kriegsverbrechen als Warnung an den afghanischen Staat gerichtet. Und dies sollte seine Wirkung nicht verfehlen. Erst mit der Bombardierung der kulturellen Stätten, wurden die Taliban als Gefahr anerkannt.

Die Buddha-Statue vor und nach ihrer Zerstörung. © Wikimedia Commons

Danach rekrutierten die Taliban weitere Mitglieder in der afghanischen Bevölkerung. Die Taliban stammen zum größten Teil aus Pakistan.

Die Taliban wurzeln in den religiösen Schulen für afghanische Geflüchtete – wegen der sowjetischen Besatzung – in Pakistan (Madrasas in Pakisten). Durch die Verbindung zur politischen Partei Jamiat Ulema-e-Islam wurde hier ein politischer Islam gelehrt. Talib kommt aus dem Arabischen (der Sprache des Korans) und bedeutet so viel wie Schüler oder Student.

Wie die Taliban das Land veränderten

Die Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan sind seit geraumer Zeit angespannt. Ab 1992 begann ausgehend von Kabul ein jahrelanger Krieg gegen den afghanischen Staat. Dieser wurde massiv von Pakistan etwa durch Waffenlieferungen aufrechterhalten. Der Krieg war für die Afghan:innen die Hölle. In ihm sterben viele unschuldige Menschen und Gräueltaten werden verübt (Hinrichtungen, Köpfen, etc.). Alles hat sich seither verändert. Das Land war nie wieder dasselbe. Auch die internationale Staatengemeinschaft konnte diese Veränderung seither nicht rückgängig machen. Frauen und Mädchen wurden ihre Rechte entzogen Sie waren nur noch Hausfrauen, Sexsklavinnen für die Taliban.

Afghanistan-Pakistan-Disput

Historisch gesehen wird um eine koloniale Grenzziehung der sog. „Durand-Linie“ und damit einhergehende territoriale Ansprüche gestritten, die das Siedlungsgebiet der Paschtunen durchtrennt, das ursprünglich zu Afghanistan gehörte. Darüber hinaus hat der seit jeher ausgetragene indo-pakistanische „Kaschmir-Konflikt“ auch Auswirkungen auf Afghanistan - nicht zuletzt aus Angst, der Einfluss Indiens auf Afghanistan könne wachsen. Die Unterstützung der Taliban-Bewegung war somit immer Teil Pakistans Anti-Indien-Politik: Führer der Gruppierung fanden in Pakistan Unterschlupf oder wurden durch Waffenlieferungen unterstützt . Bis heute gilt die Taliban Bewegung als von Pakistan protegiert, wenn auch unklar ist, in welchem Ausmaß das Land Einfluss nimmt.

Afghanistan-
Pakistan-
Disput

Historisch gesehen wird um eine koloniale Grenzziehung der sog. „Durand-Linie“ und damit einhergehende territoriale Ansprüche gestritten, die das Siedlungsgebiet der Paschtunen durchtrennt, das ursprünglich zu Afghanistan gehörte. Darüber hinaus hat der seit jeher ausgetragene indo-pakistanische „Kaschmir-Konflikt“ auch Auswirkungen auf Afghanistan - nicht zuletzt aus Angst, der Einfluss Indiens auf Afghanistan könne wachsen. Die Unterstützung der Taliban-Bewegung war somit immer Teil Pakistans Anti-Indien-Politik: Führer der Gruppierung fanden in Pakistan Unterschlupf oder wurden durch Waffenlieferungen unterstützt . Bis heute gilt die Taliban Bewegung als von Pakistan protegiert, wenn auch unklar ist, in welchem Ausmaß das Land Einfluss nimmt.

Die Taliban gingen immer weiter und schafften es damals jeden Tag irgendwo in der Stadt eine Bombe zu zünden und eine Vielzahl von Menschen umzubringen. Die Methoden der Taliban waren äußerst brutal und richteten sich vor allem auf die Zivilbevölkerung. Ihre Taten geschehen nie im Namen des Islams. Es sind sogar gar keine Muslime. Sie zerstören nur das Bild über den Islam. Zusätzlich töten sie willkürlich unschuldige Menschen.

Sie haben Afghanistan sehr verändert. Sie haben Afghanistan beigebracht, sich zu fürchten. Furcht vor Gewalt, Tod, Ungerechtigkeit und eine Furcht davor, die eigene Familie zu verlieren. Jeden Tag mussten die Frauen Tschaderi tragen. Kinderehen waren nicht verboten, sondern Alltag. So wurden 12-jährige Mädchen an deutlich ältere Männer zwangsverheiratet. Das hatte die Taliban der Gesellschaft beigebracht.

Militärintervention aus Eigennutz?

Jedoch kam es ab 2001 zur US-geführten Intervention und das Land erhielt internationale Hilfe. Deshalb zogen sich die Taliban teilweise zurück. Ob das gewollt oder nicht gewollt war, das weiß niemand. Zwar kam es zu internationalen Hilfen, aber gleichzeitig bestahlen internationale Akteure das ölreiche Afghanistan. Während junge Männer unter den Taliban zu Terroristen ausgebildet wurden, kamen die anderen Länder stets um das Land zu bestehlen. Sie nahmen sich, was immer sie fanden. 20 Jahre suchten sie nach Gold und anderen Rohstoffen etwa in den afghanischen Bergen. Doch nachdem sie nicht fündig wurden, gaben sie auch das Land und die Menschen auf. Die Begründung für die Militärintervention war immer die Opfer-Rolle der USA. Allerdings haben sie das Land erst belogen und dann im Stich gelassen.

Die USA und Deutschland waren am längsten vor Ort aktiv. Mit ihrem Abzug, haben sie Afghanistan wissentlich in die Hände der Taliban gegeben. Die Taliban waren vorbereitet. Sie nutzten diese Zwischenphase, bekamen zusätzliche Waffen, um damit das Land wieder angreifen zu können. In weniger als 1 Woche haben die Taliban es geschafft das Haus des Präsidenten zu übernehmen. Sie rückten immer weiter von dörflichen Gegenden in Richtung Kabul, weil natürlich die Hauptstadt ihr Ziel war. Dieses haben sie nun erreicht.

Wie konnten die Taliban das Land so schnell einnehmen?

Zwischenzeitlich übertreffen sich Politiker:innen darin, eine Schuld von sich zu weisen. Niemand habe mit einem so schnellen Vormarsch der Taliban gerechnet. Verschiedene Militärexpert:innen nennen immer wieder zwei Gründe: Demoralisierung und überschätzte Armeestärke. Tatsächlich haben die letzten 20 Jahre starr militärisch gedacht. Afghanistan wurde durch Waffen und Ausbildung der Soldaten unterstützt. Aber es folgten kaum zivile Reformen. Die Korruption trug z.B. dazu bei, dass die Armee sich immer mehr fragte, wofür sie eigentlich kämpfe.

Der Präsident Afghanistans, Ashraf Ghani, ist in die Vereinigten Arabischen Emirate geflüchtet, da er selbst Angst um sein Leben hatte. Aber er hat seine Leute im Stich gelassen. Er verließ das Land mit seinen Polizisten und sicherte sich selbst einen Platz, während er mehr als 1 Millionen Menschen zurückgelassen hat. Mittlerweile ist Afghanistan das gefährlichste Land der Welt.

Die Welt hat versagt

Im Jahr 2021 hat es Afghanistan zum ersten Mal geschafft, die Aufmerksamkeit der Welt auf sich zu ziehen. Selbst nach 50 Jahren waren weite Teile so von der Weltöffentlichkeit verschwiegen und ausgeblendet worden, dass es immer noch Leute gibt, die fragen: Wer sind die Taliban? Zum ersten Mal interessiert sich die Welt für Afghanistan. Aber warum erst jetzt? Müssen erst Leute sterben, damit man sieht, was falsch läuft? Müssen erst die Terroristen über ein ganzes Land herrschen, um die Aufmerksamkeit der Welt zu bekommen? Solche Fragen stellt man sich, als Afghane und Afghanin. Jeden Tag und jede Sekunde sterben Afghan:innen. Es gibt nicht genug Hilfe. Nur ein Flugzeug hat es geschafft, nicht mal ein Viertel des Volkes zu retten.

Die Hilfe kommt viel zu spät und reicht nicht aus. Die Menschen sind so verzweifelt, dass sie sich wortwörtlich an Flugzeugen in Richtung Amerika festklammern. Die Menschen sind so verzweifelt, dass sie lieber riskieren überrollt zu werden oder nach Abflug auf den Boden zu fallen als länger abzuwarten. Es gibt so wenig Hilfe, dass Eltern bereit sind nur ihre Kinder über die Grenze an fremde Soldaten zu geben. Es gibt so wenig Hilfe, dass mehr als die Hälfte der Stadt Kabul vor dem Flughafen schlafen muss und dabei von Terroristen oder Soldaten jede Sekunde erschossen werden könnte. Die Welt hat versagt!

@MarcusReports

Kommt alle Hilfe zu spät?

Sie haben ein ganzes Land 50 Jahre lang ignoriert. Und jetzt, wo sie der Grund dafür sind, dass die Lage explodierte, ist wieder das einzige, was ihnen Angst macht die Flüchtlinge. Wer sich jetzt geschockt und überrumpelt gibt, ist heuchlerisch. So wie seit Tagen, ging es den Afghan:innen jeden Tag. Sie haben immer gelitten. Die Ereignisse der letzten Tage sind natürlich ernst und verlangen besondere Maßnahmen. Alle sollen helfen. Alle sollen finanzielle und humanitäre Unterstützung leisten. Das ist das Mindestmaß an Solidarität.

@ Schwarzwälder Bote

Vor allem die USA haben maßgeblich Schuld daran, dass Menschen ihre Heimat überstürzt verlassen müssen. Man sollte jetzt nicht mehr länger schweigen und debattieren. Es ist Zeit etwas zu unternehmen. Das Land ist in Händen der Taliban. Man kann nicht mehr zurück. Es ist passiert. Nur ein Wunder könnte diese Lage noch umkehren. Die internationale Staatengemeinschaft hat die Konsequenzen verursacht. Aber die Afghan:innen müssen unter diesen leben. Die Taliban haben die afghanische Nationalflagge bereits entfernt und durch ihre eigene Talibanflagge ersetzt. Geschichte wird sich wiederholen. Ich selbst bin mir sicher, dass die Taliban bald andere Länder angreifen werden, dass Frauen nicht mehr das Haus verlassen dürfen und dass Mädchen zwangsverheiratet oder zu Sexsklavinnen gemacht werden.

Es gibt keine Zukunft für Afghanistan. Alle Träume der Kinder und der Erwachsenen wurden in einer Woche zerstört. Kinder sind keine Kinder mehr. Kinder sind im Innern tot.

,,Wenn wir ihnen nicht helfen, wer wird ihnen dann helfen?“

Man kann auch in Deutschland aktiv werden! Es gibt viele Petitionen, in denen man für Flugzeuge unterschreiben kann. Man kann ebenso Geld spenden, damit die Menschen sich die wichtigsten Sachen fürs Überleben kaufen können.

Mein Name ist Zahra Tohidi und ich bin 15 Jahre alt. Auf Instagram führe ich selbstständig und ohne Hilfe den Account @AfghanistanNotSafe. Mein Ziel ist es, über mein Land zu reden und meinem Land eine Stimme zu geben.

Autorin
Zahra Tohidi

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1 Anmerkung zu “Afghanistan – Das Ende der NATO-Intervention

  1. onur k.

    Vielen Dank ihr Lieben für diese Botschaft, für die einzelne Stimme die so viel aussagt. Es ist eine humanitäre Tragödie und es bestürzt mich täglich auf’s neue. Ich wünsche der Autorin und alles wofür und worum die kämpft weiterhin viel Mut, auf das sich die weltgemeinschaft nicht mit diesem Zustand abfindet sondern große Beschlüsse fallen.

    Ich hoffe in meiner morgendlichen übermüdung kein Unsinn zu verbreiten aber neben all möglichen büchern, Beiträgen, Artikeln, Blogs, Filmen und Dokus hat mich ein Animations-/ zeichentrickfilm gerade und exakt im Bezug auf das Gesagte sehr berührt: „Der Brotverdiener“

    Ich werde bald für eine Weile sehr nahe am Geschehen sein und mich noch stärker und unvermeidlicher im Konflikt befinden. Ich wünsche mir tatsächlich einen großen Support aus dem europäischen und natürlich deutschen Raum für die Befreiung vom Terror und Extremismus.
    Viel Kraft allen!

    Antworten

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