Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Die Belege für eine systematische staatliche Unterdrückung und massive Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uigur:innen mehren sich. Zeitgleich wird China Gastgeber für die Olympischen Winterspiele 2022 sein. Das ruft derzeit weltweit Protestaktionen hervor.

22.10.2021

China

Hauptstadt: Peking
Einwohner:innenzahl: 1,398 Milliarden
Sprachen: In China werden derzeit 81 Sprachen gesprochen. Die 55 offiziell anerkannten Minderheitsethnien sprechen ihre eigene Sprache oder verwenden teilweise sogar mehrere. Die Amtssprache Hochchinesisch baut auf dem Peking-Dialekt des Mandarin-Chinesisch aufbaut.

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Unter dem Hashtag #NoBejing2022 fanden im Juni diesen Jahres weltweit Proteste statt. Den Demonstrant:innen geht es um den Boykott der Olympischen Winterspiele, die im Februar 2022 in Peking stattfinden sollen. Warum? In der chinesischen Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas werden Uigur:innen, eine muslimische und turkstämmige Minderheit, systematisch unterdrückt. Die Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard spricht von einer „dystopischen Schreckensherrschaft“ der chinesischen Behörden in Xinjiang.1 Ulrich Delius, Direktor der NGO „Gesellschaft für bedrohte Völker“, sieht in den Repressionen der regierenden Kommunistischen Partei Chinas einen „Vernichtungsfeldzug gegen muslimische Nationalitäten“.2 Im Kontext der Spiele ‚gute Miene zum bösen Spiel zu machen‘ und über die menschenverachtenden Praktiken der chinesischen Regierung Beifall klatschend hinwegzusehen oder diese gar hinzunehmen, ist in den Augen vieler NGOs, Politiker:innen und Aktivist:innen unvorstellbar.

Demonstrators display photos of missing Uyghurs and use re-enacted scenes to refer to the police-state regime in Xinjiang. © Kuzzat Altay

Die Uigur:innen – Eine Geschichte der Unterdrückung

Die Volksrepublik China stellt mit ca. 1,39 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Welt dar. Dabei handelt es sich im Falle Chinas nicht um einen klassischen Nationalstaat, sondern um einen multinationalen Staat, in dem insgesamt 56 offiziell anerkannte Minderheitsethnien leben.3 Die Uigur:innen, eine ethnische Gruppe der Turkvölker mit starker muslimischer Prägung, die hauptsächlich in Asien, Sibirien und Osteuropa lebt, stellte 2010 mit ca. 10 Mio. Angehörigen4 und einem Anteil von 0,75% an der Gesamtbevölkerung Chinas eine der größten der als Nationalitäten anerkannten Minderheiten dar. Die meisten Uigur:innen leben seit ihrer Vertreibung aus der mongolischen Steppe vor mehr als 1000 Jahren in der unabhängigen Region Ostturkestan – dem heutigen Xinjiang.5

Autonome Regionen

Autonome Regionen wie Xinjiang oder Tibet sind Regionen, in denen ethnische Minderheiten Chinas leben und denen besondere legislative Rechte zukommen. Dennoch ist die Autonomie eher eine symbolische, da weiterhin die chinesische Verfassung gilt und  die han-chinesisch dominierte Kommunistische Partei de facto regiert.6 In Xinjiang drückt sich der Wunsch nach der Wiedererlangung vollständiger Souveränität u.a. in der Bezeichnung als Ostturkestan durch die uigurische Unabhängigkeitsbewegung aus.

 

Autonome Regionen wie Xinjiang oder Tibet sind Regionen, in denen ethnische Minderheiten Chinas leben und denen besondere legislative Rechte zukommen. Dennoch ist die Autonomie eher eine symbolische, da weiterhin die chinesische Verfassung gilt und  die han-chinesisch dominierte Kommunistische Partei de facto regiert.6 In Xinjiang drückt sich der Wunsch nach der Wiedererlangung vollständiger Souveränität u.a. in der Bezeichnung als Ostturkestan durch die uigurische Unabhängigkeitsbewegung aus.

Autonome Regionen

Autonome Regionen wie Xinjiang oder Tibet sind Regionen, in denen ethnische Minderheiten Chinas leben und denen besondere legislative Rechte zukommen. Dennoch ist die Autonomie eher eine symbolische, da weiterhin die chinesische Verfassung gilt und  die han-chinesisch dominierte Kommunistische Partei de facto regiert.6 In Xinjiang drückt sich der Wunsch nach der Wiedererlangung vollständiger Souveränität u.a. in der Bezeichnung als Ostturkestan durch die uigurische Unabhängigkeitsbewegung aus.

Die Region Ostturkestan wurde im Rahmen der imperialen Expansionsbestrebungen 1757 durch die Qing-Dynastie erobert und unterworfen. Seither ist die uigurische Bevölkerung einer Fremdherrschaft unterworfen. Unter Mao Zedong wurde Ostturkestan 1955 unter der Bezeichnung ‚Autonome Uigurische Region Xinjiang‘ (XUAR) offiziell zu chinesischem Staatsgebiet erklärt. Mao Zedong und seine Nachfolger verhängten eine Vielzahl an Maßnahmen, um die Assimilation an die han-chinesische Bevölkerung voranzutreiben.7

Han-Chines:innen

Die Han-Chines:innen bilden die größte Volksgruppe Chinas, wobei es sich jedoch nicht um eine kulturell homogene Gruppe handelt – auch wenn dies von staatlichen Institutionen, die danach streben, die gesamte Nation nach han-chinesischem Vorbild zu formen (Han-Sinisierung) und somit zu vereinheitlichen, oft behauptet wird. Ihre Bezeichnung geht zurück auf die Han-Dynastie ca. 200 n.Chr.

Die Han-Chines:innen bilden die größte Volksgruppe Chinas, wobei es sich jedoch nicht um eine kulturell homogene Gruppe handelt – auch wenn dies von staatlichen Institutionen, die danach streben, die gesamte Nation nach han-chinesischem Vorbild zu formen (Han-Sinisierung) und somit zu vereinheitlichen, oft behauptet wird. Ihre Bezeichnung geht zurück auf die Han-Dynastie ca. 200 n.Chr.

So wurde die Migration von Han-Chines:innen nach Xinjiang von der Regierung gefördert und große Summen an Staatskapital in die wirtschaftliche Entwicklung und Modernisierung der Region Xinjiang investiert, um Chinas ökonomische Position im Weltmarkt zu verbessern. Denn Xinjiang hat für die Volksrepublik eine strategisch bedeutsame Rolle, die aus der Position auf dem zentralasiatischen Kontinent, dem hohen Flächenanteil am Staatsgebiet und nicht zuletzt aus den hohen Öl- und Gasvorkommen resultiert.5 Präsident Hu Jintao nutzte das durch den 11. September 2001 weltweit zunehmende islamophobe Klima, um die Repression der muslimischen Minderheit in Xinjiang zu rechtfertigen und weiter voranzutreiben. Die Uigur:innen wurden als Separatist:innen bezeichnet und unter Bezugnahme auf ihre muslimische Prägung illegaler religiöser Aktivitäten beschuldigt, die als Wurzeln des Terrorismus identifiziert wurden.7

Die immer umfangreicheren Restriktionen, die unter dem derzeitigen Präsidenten Xi Jinping ein neues Ausmaß angenommen haben, scheinen einem etablierten Muster zu folgen, das die kulturelle Expression der uigurischen Bevölkerung zugunsten einer homogenen, der Kommunistischen Partei loyalen Bevölkerung zu unterbinden versucht. Aufgrund paranoider Ängste vor einem wachsenden uigurischen Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft hat die Regierung neue Sicherheitsgesetze erlassen. In der Folge kam es zur Eröffnung von faktischen Umerziehungslagern für Uigur:innen, die zunächst von Regierungsbehörden geleugnet und seit einiger Zeit euphemistisch als ‚Berufsbildungszentren‘ bezeichnet werden. Tatsächlich gab es verschiedene Anschläge von Uigur:innen auf Han-Chines:innen und staatliche Institutionen, die insgesamt mehrere hundert Todesopfer forderten.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein gewaltsamer Vorfall in Xinjiangs Hauptstadt Ürümqi am 5.7.2009: Bei zunächst friedlichen Demonstrationen von Uigur:innen kam es zu Konfrontationen mit Sicherheitskräften und schließlich zu gewalttätigen Angriffen auf Han-Chines:innen. Bei den Ereignissen kamen 34 Menschen ums Leben, 140 wurden verletzt.

Der Historiker Rian Thum widerspricht im NBC-Interview der Darstellung dieser Taten als „islamistischem Terror“, wie sie in den regierungskonformen chinesischen Medien behandelt werden: es handle sich weniger um organisierten Widerstand als eher um improvisierte Akte der Verzweiflung und Wut aufgrund der staatlichen Migrationsstrategie und Unterdrückung.8 Die Radikalisierung einzelner uigurisch-separatistischer Gruppierungen sei zudem vielmehr das Ergebnis der staatlichen Diskriminierung als die Ursache für die Repressionstaktiken.7 Doch die chinesische Regierung bleibt ihren repressiven Maßnahmen treu und fordert „keine Gnade“ („show no mercy“) gegenüber den Uigur:innen, wie zuletzt durch geleakte Regierungsdokumente deutlich wurde.9

Die ökonomische Bedeutung Xinjiangs zeichnet sich im ‚Belt and Road Programme‘ und der ‚Western Development Strategy‘ ab, in deren Rahmen Xinjiang als Landbrücke zur Erschließung neuer internationaler Märkte fungieren soll.7 Durch die Migrationsbewegung zahlreicher Han-Chines:innen in die Region Xinjiang und das Anwerben von Unternehmer:innen soll insbesondere ein massiver Ausbau der Textilproduktion ermöglicht werden. Auf diese Weise entstehen laut dem Anthropologen Adrian Zenz, der insbesondere für seine Arbeiten zum Umgang Chinas mit den Uigur:innen bekannt wurde, enge Verbindungsmomente zwischen der Zwangsarbeit in Xinjiang und dem gesamtchinesischen und globalen Markt.10 Die etablierte Migrationsstrategie zeigt ihre Auswirkungen auf die Demografie Xinjiangs deutlich: Während 1949 die Uigur:innen ca. 75% der Bevölkerung Xinjiangs ausmachten, lag der Anteil im Jahr 2000 (bei steigender Gesamtpopulation) nur noch bei 45%. Im selben Intervall wuchs der Anteil der Han-Chines:innen in Xinjiang von 6% auf fast 41%.6

Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel von Terror- und Armutsbekämpfung

Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel von Terror- und Armutsbekämpfung

Seit der Präsidentschaft Xi Jinpings sei laut Nathan Ruser, Forscher am Australian Strategic Policy Institute (ASPI), der Ansatz der Kommunistischen Partei hinsichtlich des Staatsbildungsprozesses in Chinas ethnischer Peripherie interventionistischer geworden.11 Unter dem Deckmantel der Armuts- und Terrorismusbekämpfung wird in Xinjiang die indigene uigurische und islamische Kultur systematisch bekämpft und zerstört. Die Kommunistische Partei scheut sich nur bedingt, über ihre Assimilationsbestrebungen (‚Han-Sinisierung‘) zu sprechen. Die Ambitionen werden offen ausgesprochen; lediglich bezüglich der ergriffenen Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele wird geschwiegen oder es werden Bilder einer glücklichen uigurischen Bevölkerung in Xinjiang inszeniert, um äußere Interventionen zu verhindern.

Deutliche Schritte in Richtung „Terrorismusbekämpfung“ wurden mittels neuer Sicherheitsgesetze ergriffen. Hier werden die ethnischen Minderheiten Chinas besonders stark in den Fokus gerückt. Durch Art. 2 des National Security Law ist es der Kommunistischen Partei möglich, Maßnahmen zu ergreifen, die mittels des Bestrebens um nationale Sicherheit legitimiert werden und auch in massive Freiheitseinschränkungen der Zivilgesellschaft münden können.7 Ergänzt wurde diese Gesetzesdefinition durch das sog. Counter-Terrorism Law. Auch hier wird die Definition von Terrorismus äußerst weit gefasst, um legitime religiöse Praktiken der Uigur:innen unter Terrorismusverdacht stellen zu können.

Die Kommunistische Partei hat klare Vorstellungen davon, wie eine ‚Deradikalisierung‘ in Xinjiang vorangetrieben werden soll. Sie setzt auf die Prävention terroristischer Akte, „using correct faith to clarify the people’s understanding of Islam, awaken their minds and squeeze out extremism”.12 Der lokalen Regierung ist es seit 2018 erlaubt, sogenannte ‚vocational education centres‘ (Berufsbildungszentren) zu errichten, in denen die erwünschten Korrekturen hinsichtlich Glaubensüberzeugung, Weltsicht und Ethnizität an Menschen durchgeführt werden können, die aus Sicht der Regierung von extremistischen Überzeugungen betroffen sind.7 Dass die außergerichtlichen Internierungen in diesen faktischen Umerziehungslagern zwangsweise vorgenommen werden und Verstöße gegen Menschen- und Völkerrechte darstellen, ist inzwischen trotz der Leugnung der Kommunistischen Partei durch journalistische Investigativarbeit und geleakte Regierungsdokumente sowie Berichte Betroffener international bekannt geworden.

People demonstrate in Washington D.C. against the Chinese Communist Party's oppression of the Uighur:in. © Kuzzat Altay
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Die Zahl internierter Uigur:innen variiert stark.

Je nach Einschätzung der ‚Qualifikation‘ der Personen – die hier am Maßstab der Treue zur Kommunistischen Partei bemessen wird, werden diese entweder zur Zwangsarbeit in Fabriken entsendet oder zu Trainings verpflichtet, in denen militärische Disziplin vermittelt, mandarin-chinesisch gelehrt und ‚thought education‘ betrieben wird. Für die Kinder uigurischer Familien gibt es wiederum eigene internatsähnliche Einrichtungen, um den staatlichen Einfluss auf die ideologische Prägung der Kindern zu erhöhen und die Sprache der Uigur:innen langfristig zu vernichten.7, 10 Aufgrund der fast vollständig ausgebauten Kontrolle mithilfe von flächendeckender Kameraüberwachung und Checkpoints im öffentlichen Bereich kann Xinjiang als „open-air prison“ bezeichnet werden, in dem die Unterschiede von Internierung und Nicht-Internierung eher graduell zu sein scheinen.7 Bereits das Tragen langer Bärte oder das Beten außerhalb von Moscheen können als Anlässe für Internierungen ausreichen.

Insgesamt ist aus vielen verschiedenen Quellen dokumentiert, insbesondere auch aus chinesischen Originalquellen, dass die Führung in Peking in Xinjiang ein Polizeistaatsregime errichtet hat, wie es derzeit auf der Welt kein schlimmeres gibt.

Reinhard Bütikofer, MEP und Bündnis 90/Die Grünen

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Dass die chinesische Regierung sich auch nicht scheut, die demografische Entwicklung quantitativ zu beeinflussen, ist bereits durch die strenge Ein-Kind-Politik erkennbar geworden. Im Falle der Uigur:innen wird die Geburtenkontrolle und -verhinderung jedoch besonders grauenhaft umgesetzt: Sterilisierungen für uigurische Frauen* werden kostenlos angeboten oder gar mit der Androhung einer erneuten Internierung verbunden; es werden Medikamente mit sterilisierender Wirkung ohne Information der einnehmenden Person über deren Wirkung verschrieben und Intrauterinpessare während angeblicher Routineuntersuchungen gesetzt. Bereits jetzt geht die Geburtenrate in Xinjiang gen 0: Auf 1.000 Personen kommen 2020 noch 1,05 Geburten; 2018 waren es noch 19,66 Geburten auf 1.000 Einwohner:innen.13

Birth rate in Xinjiang (red) and four other regions of China compared to the national average (black).

Neben der Vernichtung des immateriellen Kulturerbes durch die zwangsweise Umerziehung der Bevölkerung und der Beeinflussung der demografischen Entwicklung wird auch das materielle Kulturerbe attackiert. Satellitenaufnahmen des Australian Strategic Policy Institute (ASPI) zeigen: Seit 2017 wurden ca. 16.000 Moscheen zerstört oder beschädigt – das entspricht in etwa 65% aller Moscheen in Xinjiang. Die Hälfte davon wurde vollständig abgerissen, bei den anderen wurden islamische Elemente entfernt oder durch regierungstreue Symbole ersetzt. Generell gilt für Moscheen in Xinjiang inzwischen eine Verpflichtung zum Anbringen der Nationalflagge, zum Auslegen der chinesischen Verfassung und zum Einhalten sozialistischer Werte und der Reflexion „exzellenter“ traditionell (han-)chinesischer Kultur.11

Angesichts der massiven Beschränkungen der kulturellen Praxis betont Zenz, dass die Auflösung des Familien-, religiösen und traditionellen Lebens der Uigur:innen nur noch eine Frage der Zeit sei.10

Von Wirtschaft, Politik und Sport – Die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft

Die Situation der Uigur:innen ist erschreckend. Kann es sein, dass China wirklich so unantastbar ist? Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um sich gegen die menschenverachtende Praxis der regierenden Kommunistischen Partei Chinas zu wehren und eine Veränderung der Lage herbeizuführen? Bei der Beschäftigung mit der Frage nach einer strafrechtlichen Verfolgung durch den Internationalen Strafgerichtshof wird schnell deutlich, dass sich die Uigur:innen hiervon nur wenig Hilfe erhoffen können. Denn China ist aufgrund seines Vetorechts im Sicherheitsrat quasi unantastbar, und aufgrund der fehlenden Ratifizierung des Rom-Statuts stellt der Weg über den Sicherheitsrat die einzige Möglichkeit dar, gegen Funktionäre des islamophoben Regimes vorzugehen – alle anderen Wege zu einer Verhandlung vor dem IStGH würden dem Regime lediglich kleine Seitenhiebe verpassen.

Aufgrund dessen, dass nicht alle Länder weltweit den IStGH durch die Ratifizierung des Rom-Statuts anerkannt haben, unterliegt der Gerichtshof gewissen Einschränkungen bei der Ausübung seiner Gerichtsbarkeit. Zudem gibt es gemäß Artikel 13 des Rom-Statuts nur drei sogenannte Auslösemechanismen, die ein anschließendes Tätigwerden des IStGH erlauben: Die Überweisung durch einen Vertragsstaat, die Ermittlung durch die Chefanklägerin ‚von Amts wegen‘ und die Überweisung durch den UN-Sicherheitsrat. Nur im letzten Falle besitzt der IStGH universelle Gerichtsbarkeit über jegliche Staaten weltweit.

Ich möchte mich nun zuletzt der Frage widmen, was die internationale Gemeinschaft im Falle der Unterdrückung der Uigur:innen tun kann – oder besser gesagt: welche Verantwortung sie trägt. Durch die vielfachen Verbindungen im globalisierten Wirtschaftssystem erscheint ein Blick auf die Profiteur:innen der sklavenhaften Arbeitsverhältnisse angebracht. Diese sind insbesondere in der globalen Textilindustrie (z.B. Masken in der Coronapandemie) zu finden. Auch deutsche Discounter scheinen Verbindungen nach Xinjiang aufzuweisen. Das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) hat deshalb dieses Jahr eine Anzeige beim Generalbundesanwalt eingereicht, in der auch die deutschen Unternehmen Lidl, Aldi Nord und Süd, C&A und Hugo Boss genannt werden. Sie sollen Lieferbeziehungen zu Textilfirmen aufweisen oder in der Vergangenheit gehabt haben, in denen Uigur:innen zwangsbeschäftigt werden.14

Dies könnte strafrechtlich einer Beihilfe zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit entsprechen. Das Erbringen eines klaren Nachweises bleibt weiterhin trotz zahlreicher Verdachtsmomente schwierig – aber die Fälle zeigen einmal mehr die Überfälligkeit des inzwischen verabschiedeten Lieferkettengesetzes. Die Hoffnung ist, dass künftig anfallende Bußgelder den Nutzen von Produktionsorten, wo es zu Menschenrechtsverletzungen kommt,  übersteigen und eine weitere Kooperation mit den Zulieferern wirtschaftlich unattraktiv wird.15 Dies könnte auch den Automobilkonzern VW sowie den Chemiekonzern BASF betreffen, die in Xinjiang Niederlassungen haben.

Lassen Sie uns die chinesische Regierung nicht ehren, indem Staatsoberhäupter nach China gehen.

Nancy Pelosi, Demokratische Partei und Sprecherin im Repräsentant:innenhaus der USA hinsichtlich der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking

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Ein bald stattfindendes Event mit globaler Reichweite sorgt derzeit für Proteste, um auf die Situation der Uigur:innen aufmerksam zu machen: Die Olympischen Winterspiele, die im kommenden Februar 2022 in Peking stattfinden sollen. Am 23. Juli 2021, pünktlich zum Beginn der olympischen Sommerspiele in Tokio, haben deshalb weltweit in mehr als 50 Städten Tausende für einen Boykott der Winterspiele in Peking demonstriert, da das Internationale Olympische Komitee (IOC) sich auch auf Anfrage des Uigurischen Weltkongresses weigerte, sich öffentlich zur Einhaltung der Menschenrechte im Kontext der Spiele und ihrer Vorbereitung zu verpflichten.16

Weiterhin sollte in Anbetracht der nahenden Spiele in Chinas Hauptstadt auf die massiven Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang aufmerksam gemacht werden. Ob ein vollständiger Boykott erzielt werden kann, bleibt zweifelhaft. Doch auch im Falle des Stattfindens der Spiele ist es möglich, dass diverse Regierungsmitglieder oder Staatsoberhäupter sich gegen einen Besuch der Spiele entscheiden und damit einen politischen Boykott vornehmen. Darauf lassen jüngst Aussagen der US-amerikanischen Politiker:innen Mitt Romney (Republikanische Partei) und Nancy Pelosi (Demokratische Partei), aber auch deutliche Worte des Grünen-Politikers und Vorsitzenden der China Delegation des EU-Parlaments Reinhard Bütikofer hoffen. Letzterer hat das IOC und dessen Präsidenten Thomas Bach scharf für deren Festhalten an den Spielen trotz offenkundiger Provokationen Chinas kritisiert.17 Das EU-Parlament hat nun eine Resolution verabschiedet, in der die Mitgliedsstaaten zum politischen Boykott aufgerufen werden. Ob die Staaten sich dazu durchringen, dies in die Tat umzusetzen, bleibt abzuwarten.

Autorin:
Franziska Schneider

Quellen

  1. Amnesty International (2021): Neuer Amnesty-Bericht zu China: Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Xinjiang, abgerufen unter https://www.amnesty.at/presse/neuer-amnesty-bericht-zu-china-verbrechen-gegen-die-menschlichkeit-in-xinjiang/. Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  2. Bosen, Ralf (2019): Uiguren-Konflikt: Opfer chinesischer Machtinteressen: Unterdrückung von Minderheiten, abgerufen unter https://www.dw.com/de/uiguren-konflikt-opfer-chinesischer-machtinteressen/a-51448432. Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  3. Senz, Anja-Desirée (2010), abgerufen unter https://www.bpb.de/apuz/32501/zwischen-kultureller-anpassung-und-autonomie-nationale-minderheiten-in-china. Zuletzt besucht am 18.09.2021.
  4. National Bureau of Statistics of China (2019). China Statistical Yearbook, abgerufen unter  http://www.stats.gov.cn/tjsj/ndsj/2019/indexeh.htm. Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  5. Jahn, Egbert (2012). Politische Streitfragen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  6. Castets, Rémi (2003), abgerufen unter https://journals.openedition.org/chinaperspectives/648. Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  7. Finnegan, Ciara (2020). The Uyghur Minority in China: A Case Study of Cultural Genocide, Minority Rights and the Insufficiency of the International Legal Framework in Preventing State-Imposed Extinction. Laws, 9(1). 1–20.
  8. Hayes, Chris (2019), abgerufen unter https://www.nbcnews.com/think/opinion/uncovering-china-s-secret-internment-camps-rian-thum-podcast-transcript-ncna998116. Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  9. Kuo, Lily (2019), abgerufen unter https://www.theguardian.com/world/2019/nov/17/show-no-mercy-leaked-documents-reveal-details-of-chinas-mass-xinjiang-detentions. Zuletzt besucht am 17.09.2021.
  10. Zenz, Adrian (2019), abgerufen unter https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=&ved=2ahUKEwj4q5-pxojzAhWwM-wKHeEIAf8QFnoECAMQAQ&url=https%3A%2F%2Fwww.cecc.gov%2Fsites%2Fchinacommission.house.gov%2Ffiles%2Fdocuments%2FBeyond%2520the%2520Camps%2520CECC%2520testimony%2520version%2520%2528Zenz%2520Oct%25202019%2529.pdf&usg=AOvVaw2k5XDJvp36sqCMd3kAMorP. Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  11. Ruser, Nathan et al. (2020), abgerufen unter https://s3-ap-southeast-2.amazonaws.com/ad-aspi/2020-09/Cultural%20erasure_0.pdf?NlJYOaEV6DF3IfupGsdb73xtX0wCNokg Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  12. Zhou, Zunyou (2019). Chinese Strategy for De-radicalization. Terrorism and Political Violence, 31(6). 1187–1209.
  13. Zenz, Adrian (2020). Sterilizations, IUDs, and mandatory birth control: The CCP’s campaign to suppress Uyghur birthrates in Xinjiang. Washington, DC: Jamestown Foundation.
  14. Reinhold, Kirsten (2021), abgerufen unter https://www.textilwirtschaft.de/business/news/klage-des-european-center-for-constitutional-and-human-rights-ecchr-boss-und-ca-wehren-sich-gegen-vorwuerfe-der-zwangsarbeit-von-uiguren-232416. Zuletzt besucht am 10.09.2021.
  15. Kohlmann, Thomas (2021), abgerufen unter  https://www.dw.com/de/deutsche-konzerne-und-ihr-xinjiang-problem/a-57582351. Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  16. Da Silva, Michael (2021), abgerufen unter https://www.dw.com/de/menschenrechtler-fordern-olympia-boykott/a-58047651.  Zuletzt besucht am 16.09.2021.
  17. Kempe, Robert und Schulte, Volker (2021), abgerufen unter https://www.sportschau.de/olympia/winterspiele-peking-boykott-uiguren-buetikofer-100.html. Zuletzt besucht am 16.09.2021.

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1 Anmerkung zu “Es ist nicht alles Gold, was glänzt

  1. Frank Steffens

    Vielen Dank für diesen Blog und Ihre/Eure Arbeit. Habe selbst Literatur von Betroffenen gelesen und kann nur bestätigen

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