Recht auf Maske

Recht auf Maske

Gesundheit und Reichtum sind in Deutschland eng verknüpft. Das zeigt und verstärkt sich gerade in der Pandemie. Obwohl Gesundheitsversorgung ein Menschenrecht und ein deutsches Grundrecht ist, haben nicht alle Menschen Zugang zu ausreichend Informationen, schützenden Masken und gesundheitlicher Versorgung. Daher braucht es einen Perspektivwechsel von einer Maskenpflicht zu einem Recht auf Maske.

02.08.2021

Deutschland

Hauptstadt: Berlin
Sprachen: Die Amtssprache in Deutschland ist Deutsch. Hinzu kommen eine Vielzahl an Dialekten.
Einwohnerzahl: ca. 83 Mio. 

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Hinweis

Neben der ökonomischen Ungleichheit entstehen oder verstärken sich durch die Pandemie auch soziale Diskriminierungen, die im öffentlichen Diskurs sichtbar gemacht werden müssen. Dieser Beitrag beschäftigt sich jedoch nur mit dem Thema Klassismus am Beispiel der Maskenpflicht.

Die 2-Klassen-Medizin in Deutschland

In unserer neoliberalen Marktwirtschaft ist inzwischen selbst Gesundheit zur Ware geworden. Im Zuge der Ökonomisierung von Krankenhäusern wird das Solidarprinzip durch ein neoliberales Marktprinzip ersetzt.1 Zwar sind in Deutschland die meisten Personen krankenversichert, allerdings ist auch die Qualität von medizinischer Leistung vom eigenen Geldbeutel abhängig. So sind Geringverdienende teuer über die gesetzliche Krankenversicherung versichert, während sich Gutverdienende, Selbstständige und Beamte eine private Krankenversicherung und dadurch eine bessere medizinische Versorgung leisten können. Dies lässt eine 2-Klassen-Medizin entstehen, die sich noch dadurch verschärft, dass von Armut betroffene Menschen häufiger krank sind, wie etwa die Zahlen des Gesundheitsreports der AOK Rheinland/Hamburg zeigen. So erkranken beispielsweise Sozialhilfeempfänger:innen öfter an Diabetes.2

Gerade die Adressat:innen der Sozialen Arbeit sind besonders von der Benachteiligung im Gesundheitssystem betroffen. In der Corona-Pandemie verdeutlicht und verstärkt sich die ökonomische Ungleichverteilung in unserer Gesellschaft, was deutlich macht, dass nur Geld vor Krankheit schützt – ob es um die FFP2 Masken geht, die im Gegensatz zu OP-Masken auch einen selbst schützen,3 oder die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, in denen die Ansteckungsgefahr viel höher ist als im eigenen Auto. Dies führt zu ungleich verteilten Risiken einer Ansteckung und der Gefahr eines schweren Verlaufs von Covid-19 bei von Armut betroffenen Menschen.4

Das Umdenken: Recht auf Maske

Hier wird klar, dass wir ein Umdenken brauchen. Viel mehr als eine Maskenpflicht, brauchen wir ein Recht auf Masken. Denn Gesundheit ist nicht nur Teil der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Menschenrechte (Recht auf diskriminierungsfreie und angemessene Gesundheitsversorgung),5 sondern auch ein Grundrecht (Art. 2 Abs. 2 GG: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ). Nicht alle können sich medizinische Masken leisten und die Masken, die aktuell im Handel sind, erfüllen nicht zwangsläufig die vorgegeben Standards und schützen dadurch nicht unbedingt. Hinzu kommt, dass medizinische Masken Einwegprodukte sind und regelmäßig gewechselt werden müssen, um ausreichend zu schützen.6 Die Menschenrechte gelten universell für alle und sind unabhängig von den finanziellen Voraussetzungen. Deshalb ist es wichtig, dass medizinische Masken für alle Menschen kostenlos zur Verfügung stehen!

Zusätzlich muss allen Menschen ein einfacher Zugang zu Informationen ermöglicht werden. Darunter fallen Aufklärung in Bezug auf die Schutzfunktion von medizinischen Masken, ihre Relevanz bei der Pandemiebekämpfung, deren richtige Anwendung und welche Kennzeichnungen die Einhaltung der Standards deklarieren.7 Dies muss in leichter Sprache, sowie in Text, Ton und Bild geschehen, um für alle verständlich zu sein. Außerdem ist es wichtig in mehreren Sprachen zu informieren, verschiedene, einfach zugängliche Plattformen zu nutzen, einheitlich zu informieren und über Falschinformationen aufzuklären.

Am Beispiel der Maskenpflicht wird deutlich welche sozialen Probleme das aktuelle Pandemiemanagement mit sich bringt und wie wichtig ein Perspektivwechsel und ein Refraiming sind – von der Maskenpflicht zum Recht auf Maske, weil es ein Recht auf den Schutz der Gesundheit gibt. Dabei ist klar, dass die Maske nur ein Baustein in der Lösung für die Krise sein kann. Genauso wichtig ist die finanzielle Unterstützung derer, die durch die Pandemie in Not geraten (sind). Während einige wenige von der Pandemie profitieren,8 sind gerade für Familien, die von Hartz IV leben, die finanziellen Herausforderungen enorm.9 Hygieneartikel (Maske, Desinfektionsmittel) müssen gekauft werden, Schulmaterialien für Kinder ausgedruckt werden, das Kita- und Schulessen fällt weg und viele Minijobs sind weggebrochen. Bei der Abfederung der Pandemiefolgen werden von Armut betroffene Menschen von der Politik vergessen. So kam der Corona-Zuschlag auf Hartz IV von 150€ erst neun Monate später,10 während Soforthilfen für die Autoindustrie von drei Milliarden Euro11 schon im letzten Jahr zur Verfügung standen.

Die Pandemie stellt unsere Profession vor unterschiedliche Herausforderungen. Auf der einen Seite haben wir ein Mandat gegenüber unseren Adressat:innen, die besonders unter den Folgen der Pandemie leiden. Armut und Krankheit sind eng verknüpft. Gleichzeitig haben wir ein politisches Mandat, welches uns auffordert für die Berufsethik der Sozialen Arbeit und die Menschenrechte einzutreten– zum Beispiel für das Recht auf Masken. Um diesen gerecht zu werden, muss der individuelle Kampf der Einzelnen gebündelt werden und wir müssen uns zusammenschließen und organisieren, damit wir gemeinsam für unsere Profession und ihre Anforderungen wirkmächtig eintreten können.

Ihr möchtet noch mehr wissen?

Dann hört gerne den Podcast unserer Kommiliton:innen, der gerade im Rahmen eines Seminars entsteht.
Den Link zu den Folgen findet ihr seit dem 26.06.21 auf Facebook, Instagram und Twitter unter dem Namen „Recht auf Maske“.

Podcast_Recht-auf-Maske

Autor:innen
Cara Meffert, Anna-Lena Habicht, Jonas Körbach, Josefin Fahnert

Quellen

  1. Bündnis Krankenhaus statt Fabrik (2020), Krankenhaus statt Fabrik. bedarfsgerecht gemeinwohlorientiert. Das Fallpauschalensystem und die Ökonomisierung der Krankenhäuser – Kritik und Alternativen, S. 29, https://www.krankenhaus-statt-fabrik.de/53187 (zuletzt abgerufen 25.03.2021).

  2. AOK (2020) AOK-Gesundheitsreport. Diabetes und sozialer Status hängen zusammen, https://www.aok.de/pk/fileadmin/user_upload/AOK-Rheinland-Hamburg/07/Presse/37_PM_Gesundheitsreport_2020.pdf (zuletzt abgerufen am 25.03.2021).

  3. Weisenburger, L./Wolf, Christian (2021), FFP2-Masken: Tipps für Privatpersonen, https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/infektionskrankheiten/coronavirus/ffp2-masken-tipps-fuer-privatpersonen-726201.html (zuletzt abgerufen am 19.04.2021).

  4. BR24 (2021), #fragBR24: Erkranken arme Menschen schwerer an Covid-19?, https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/fragbr24-erkranken-arme-menschen-schwerer-an-covid-19,SIln2Ne (zuletzt abgerufen 19.04.2021).

  5. Michael Krennerich (2020): Gesundheit als Menschenrecht. In: APUZ 46-47/2020 Weltgesundheit. Link: https://www.bpb.de/apuz/weltgesundheit-2020/318302/gesundheit-als-menschenrecht.

  6. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (o.J.) Hinweise des BfArM zur Verwendung von Mund-Nasen-Bedeckungen, medizinischen Gesichtsmasken sowie partikelfiltrierenden Halbmasken (FFP-Masken), https://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Medizinprodukte/DE/schutzmasken.html#:~:text=2.-,Medizinische%20Gesichtsmasken,Kunststoffen%20und%20sind%20mehrschichtig%20aufgebaut (zuletzt abgerufen 12.04.2021).

  7. Ebd.

  8. DPA (2020), Trotz Corona-Krise: Superreiche werden noch reicher, https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/corona-milliardaere-reichtum-100.html (zuletzt abgerufen 12.04.2021).

  9. Bräuer, Elsbeth (2020), Werden die Armen in der Coronakrise vergessen?, https://www.br.de/nachrichten/bayern/werden-die-armen-in-der-corona-krise-vergessen,S2Nlotv (zuletzt abgerufen 12.04.2021).

  10. Piekarz, Peter (2021), Wann wird der Corona-Zuschlag auf Hartz IV ausgezahlt?, https://www.hartziv.org/news/20210211-wann-wird-der-corona-zuschlag-auf-hartz-iv-ausgezahlt.html (zuletzt abgerufen 12.04.2021).

  11. Pinzler, Petra (2020) Hast mal `ne Milliarde, https://www.zeit.de/mobilitaet/2020-11/autoindustrie-corona-krise-hilfspaket-milliarden-klimakrise-5vor8 (zuletzt abgerufen 12.04.2021).

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