Studierende mit Büchern am Laptop sitzend

Forschende und Lehrende mussten auf Reisen verzichten – nicht aber auf Austausch

Forschende und Lehrende
mussten auf Reisen verzichten – nicht aber auf Austausch

Flexibilität bei etablierten Forschenden, Sorgen bei angehenden Wissenschaftler*innen – und wie geht es den Studierenden?

11.03.2021

Über ein Online-Tool haben uns 26 Studierende und Lehrende an deutschen und kolumbianischen Hochschulen ihre Erfahrungen zum Lehren, Lernen und Forschen im vergangenen Jahr mitgeteilt. Unsere Auswertung haben wir mit weiteren Studien und Erhebungen verglichen. Unser Ergebnis findet ihr hier in zwei Beiträgen – dieser Post ist Teil 2/2.

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Den ersten Teil des Posts findet ihr hier:

Wir haben mit Lehrenden, wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und Professor*innen gesprochen und nach ihren internationalen Verflechtungen gefragt, ob sie ihre Vorhaben abbrechen, verschieben oder durchführen konnten und wie es ihnen dabei erging. Die Zielorte sind vielfältig und zeigen, wie global Forschungsvorhaben ausgerichtet werden. Besonders viele der jungen Wissenschaftler*innen in unserer kleinen Umfrage gaben an, Forschungsaufenthalte in Pakistan, den Philippinen und Spanien geplant zu haben. Hierbei zeichnet sich auch erneut ein Muster ab, dass uns schon bei den Studierenden auffiel: Der Großteil der Promovierenden und wissenschaftlichen Mitarbeiter*inner hat ihre Vorhaben in das Jahr 2021 verschoben. Die internationale Kooperation zwischen Forschungseinrichtungen zahlt sich jedoch auch aus und schafft Möglichkeiten für Alternativen, wie die Erfahrungen eines Promovierenden aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaft zeigen, der auf Grund der Pandemie vorzeitig das Zielland verlassen musste.

„Das Vorhaben wird nun ohne unsere persönliche Anwesenheit fortgeführt.“ Und auf die Frage, wie es ihm damit erging: „Gut. Ich denke, dass unser Alternativplan in dieser Situation die einzig sinnvolle und vernünftige Alternative darstellt.“ – Promovierender der Wirtschaftswissenschaften

Allerdings sieht er auch Nachteile in der Unterbrechung von Forschungsprojekten für angehende Wissenschaftler*innen, da sich dies seiner Ansicht nach negativ auf die Publikationen auswirkt. Die Reichweite und Qualität der Publikation ist die Währung bzw. das Bewertungssystem im wissenschaftlichen Betrieb, denn mehr Publikationen in einem Feld wirken sich tendenziell positiv auf die Chancen aus, später eine (feste) Stelle oder Forschungsgelder bewilligt zu bekommen.

Ausländische Promovierende und Forschende, deren Förderung mit dem Fortschritt ihrer Forschungsarbeiten verbunden sind, laufen Gefahr, ihre Stipendien zu verlieren.
So schildert es uns eine Promovierende aus Lateinamerika an der Universität Köln. Auch sei der Einstieg und die Vernetzung schwieriger für Promovierende, die erst vor kurzem oder während der Pandemie mit ihrer Forschungsarbeit begonnen haben.

Diese Ansicht teilt auch ein Professor der Entwicklungsökonomie, der als einen erheblichen Nachteil der Pandemie für den Wissenschaftsbetrieb genau die besagte Unterbrechung von vielversprechenden Forschungsprojekten nennt. Seine Antworten und die einer weiteren Professorin lassen die Hypothese zu, dass die Pandemie den Zugang für Forschende, aber auch für Studierende, zu Wissenselementen außerhalb ihrer eigenen nationalen bzw. lokalen universitären Kapazität eingeschränkt hat.

Pandemiebedingt musste der von uns befragte Wirtschaftsprofessor neben einem aufgeschobenen Forschungsprojekt, eine Gastprofessur in Westafrika mit Lehrauftrag, sowie eine wissenschaftliche Tagung und Podiumsdiskussionen absagen. Darüber hinaus erzählte uns eine Professorin aus der Soziologie, dass der Aufbau eines internationalen Forschungszentrums in Nordafrika ausfällt, sowie Studienreisen mit Studierenden aus Kolumbien abgesagt werden mussten.

Als Ausnahme gilt hierbei ein von uns befragter kolumbianischer Professor der Friedens- und Konfliktforschung, der wie geplant einen Kurs an einer Universität in Schweden anbieten konnte, welchen er seit 1996 regelmäßig durchführt. Allerdings sei hier auf den “Sonderweg” Schwedens im Umgang mit der Pandemie, mit relativ wenigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens, verwiesen.

Dennoch scheint sich der negative Einfluss auf Graduierten-Ebene weniger stark auszuwirken als auf der Ebene der Studierenden.

„Nachteile entstehen meiner Meinung nach hauptsächlich den Studierenden. Der wissenschaftliche Austausch auf Graduierten-Ebene ist nur leicht eingeschränkt (alles online). Dadurch, dass mehr Veranstaltungen, Seminare o. Ä. online stattfinden, ist es Wissenschaftlern möglich, daran teilzunehmen, ohne größere Reisen einplanen zu müssen.“ – Wissenschaftlicher Mitarbeiter

Als Alternative zu den abgesagten Konferenzen und Tagungen werden diese nun digital durchgeführt, genau wie „viele Arbeitstreffen, Beirats- und Kommissionssitzungen“, wie uns von einer Professorin erzählt wurde. Dennoch sagt sie im Weiteren:

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Durch die aus meiner Sicht notwendigen Maßnahmen hat der gesamte Wissenschaftsbetrieb überall dort, wo es um Kommunikation und Interaktion geht, Nachteile erfahren. Das Fehlen von „face-to-face“-Kommunikation fehlt allen Beteiligten, aber Studierende werden durch die Pandemie in einer Lebensphase ausgebremst, die – als Phase von Enthusiasmus, Engagement und Elan – eine Zeit ist, in der junge Menschen immer mehr Verantwortung übernehmen.

Professorin der Soziologie

Die Antworten auf unsere Frage, ob es auch Vorteile für den Wissenschaftsbetrieb im Jahr 2020 gab, fallen im Vergleich zu den Nachteilen tendenziell kürzer aus. Der Wegfall von Langstreckenflügen und weiten Reisen zu Konferenzen wird mehrmals genannt, sowie die davon ausgehenden tendenziell positiven Effekte für die Umwelt bzw. das Weltklima. Dennoch zweifelt eine unserer Interviewten an der Langfristigkeit dieses Effekts bzw. glaubt nicht an ein Umdenken. Das scheint nicht unbegründet zu sein. Dr. Nicole Aeschbach vom Geographischen Institut der Universität Heidelberg schreibt auf dem Online-Blog „Corona Sustainability Compass“:

„Die physische Teilnahme an internationalen Projekten und Konferenzen war bisher aus dem Alltag erfolgreicher Forscher*innen nicht wegzudenken. […] Das Verzwickte sind die Zielkonflikte: Internationalisierung und Karrierechancen stehen dem Klimaschutz scheinbar unversöhnlich gegenüber.“1

Dennoch sieht sie auch Chancen in den Erfahrungen, die im Laufe der Pandemie gesammelt werden, da seit dem Ausbruch von Sars-Cov-2 ebenfalls große und sonst stark besuchte Konferenzen online stattfanden. Als Beispiel nennt sie die Konferenz der American Geophysical Union, an der im Jahr 2019 über zwanzigtausend Wissenschaftler*innen teilnahmen. Die Ergebnisse eines Fragebogens zum Thema „virtuelle Formate und Tools im akademischen Bereich“, an dem sie selbst mitarbeitete, hat gezeigt, dass zwar anfängliche Anstrengungen auf Grund der Umstellung anfielen, generell jedoch positive Erlebnisse im akademischen Arbeitsleben mit digitalen Formaten verbunden werden. Zusätzlich haben ¾ der Befragten angegeben, auch unabhängig von pandemiebedingten Einschränkungen verstärkt digitale Veranstaltungen zu besuchen und anzubieten. Als Grund dafür wurde am häufigsten die damit verbundene Zeitersparnis genannt. Die Erfahrungen und virtuellen Konzepte, die jetzt zwangsweise entwickelt werden mussten, könnten in Zukunft die Opportunitätskosten einer Flugreise bzw. Konferenz in Präsenz senken und jedenfalls dem von Aeschbach genannten Zielkonflikt teilweise entgegenwirken.

Sofern es aber um Forschungs- oder Studienarbeiten „vor Ort“ ging, so mussten diese weitestgehend abgesagt werden. Besonders anschaulich wird dies am Beispiel einer vom DAAD geförderten Exkursion von Studierenden der Universidad de los Andes, welche mit Studierenden der Philipps-Universität verschiedene Aspekte von Erinnerungskultur in Deutschland bearbeiten wollten. Die vom DAAD zugesagten Gelder zur Unterstützung der kolumbianischen Seite konnten nicht zurückgestellt werden. Ob der fachliche Austausch in dieser Weise in der Zukunft stattfinden können wird bleibt abzusehen. Für die aktuelle Kohorte an Studierenden von beiden Hochschulen muss davon ausgegangen werden, dass sie diese Chance wohl nicht vor Ende ihres Studiums werden nachholen können.

Digitalisierung von Wissenschaft als Ausweg?

Unsere Umfrage erfolgte online. Ein Teil widmete sich einem Thema, über das momentan stark geforscht wird: Die Digitalisierung in allen Bereichen, welche nun durch die Pandemie erzwungen wird. Auch die AG Methoden der empirischen Sozialforschung der Philipps-Universität Marburg evaluiert in einer Umfrage aktuell die Erfahrungen in Studium und Lehre mit dem digitalisierten Alltag. Viele der Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen und die von uns befragten Professor*innen sehen in den Auswirkungen der Corona-Pandemie die Studierenden als besonders betroffen an.

Auch unsere Befragten haben sich zu dem Themenfeld digitale Lehre geäußert, wie es ihnen damit erging und welche Vor- und Nachteile sie ausmachen konnten. Beispielsweise sehen fast alle das flexible Zeitmanagement und die wegfallenden Anfahrtswege als positive Entwicklung an.

„Ich kann von überall aus teilnehmen, solange ich Internet habe. Bin nicht ortsgebunden und flexibler in meiner Zeit, da ich mir den Weg zur Uni spare.“ – Studentin der Christian- Albrechts-Universität Kiel

Des Weiteren glauben einige der von uns Befragten, dass dieses flexible Zeitmanagement einigen sozialen Gruppen zugute kommen wird, wie Pendler*innen, Studierenden mit Kindern oder Studierenden, die Angehörige pflegen.

Wie im ersten Teil dieser Blog-Serie erwähnt, ist der Zugang zu digitalen Bildungsangeboten aber nicht flächendeckend gewährleistet. Dies wird von allen vier von uns Befragten, welche an verschiedenen Institutionen in Kolumbien arbeiten und lehren, genannt. Aber auch in Kolumbien wird als Vorteil das Wegfallen des als Zeitverlust empfundenen Weges zur Hochschule empfunden.

Gleichzeitig hat die digitale Lehre entscheidende Schwächen zur Präsenzlehre. Alle von uns befragten sehen den fehlenden Austausch zwischen Studierenden als generellen Nachteil an, ebenso wie der fehlende Kontakt zu Lehrenden und erhöhte Hemmschwellen in digitalen Seminaren. Letzteres kann auch die Arbeit der Lehrenden erschweren. So berichtete uns ein Dozent von den Schwierigkeiten, direktes Feedback für die Lehrveranstaltung über Reaktionen der Studierenden zu erlangen, da viele Teilnehmende ihre Kameras nicht einschalten möchten.

Studierende mit Büchern am Laptop sitzend
Digitalisierung als Ausweg? Copyright: Windows on Unsplash.

Die Einschätzungen der von uns befragten Studierenden deckt sich mit den Ergebnissen einer weitaus umfassenderen Befragung der Stiftung Universität Hildesheim von Studierenden in ganz Deutschland.2 Allerdings studiert ein Großteil der Befragten in Niedersachsen (56,7 %) und Bayern (16,6 %), gefolgt von Baden Württemberg (5,4 %) und Nordrhein-Westfalen (4,6 %). Über 60 % der Befragten gaben an, die gestiegene Flexibilität in der Arbeitsorganisation als Vorteil wahrzunehmen, und 56 % sehen die wegfallende Anreise als positiv. Dennoch sagen ebenfalls 82 %, dass ihnen der Kontakt zu anderen fehlt. Auch sehen 29 % der Studierenden eine schlechtere Vereinbarkeit von familiären Verpflichtungen und Studium als Nachteil an. Dies mag allerdings auch mit den Zwängen zusammenhängen, die das Virus allgemein hervorruft.

Insgesamt scheinen sich die positiven Optionen, die das digitale Semester mit sich bringt, nur für einige Studierende auszuzahlen – jedenfalls in Bezug auf die Anzahl der von ihnen besuchten Lehrveranstaltungen im Vergleich zur Präsenzlehre. In der Befragung der Universität Hildesheim gaben 44,5 % der Studierenden an, weniger Lehrveranstaltungen besucht zu haben, für 36,6 % hat sich diese Zahl nicht verändert und 15,6 % haben mehr Veranstaltungen besucht. Die angegebenen Gründe für den verstärkten Besuch von Lehrveranstaltungen decken sich mit den bereits genannten Vorteilen. So gab ca. die Hälfte der besagten Gruppe an, durch mehr Flexibilität und wegfallenden Anreisezeiten mehr Veranstaltungen besuchen zu können. Ungefähr ein Viertel gab an, durch wegfallende soziale Verpflichtungen mehr Zeit aufbringen zu können.

Für 42 % der Studierenden, die weniger Lehrveranstaltungen als während der Präsenzlehre besucht haben, ist eine erhöhte Arbeitsbelastung der Grund. Weitere 37 % sehen verstärkte Ablenkungsfaktoren als Grund. Allgemein wird von 72,4 % die Arbeitsbelastung im digitalen Semester als höher wahrgenommen. Die Studie aus Hildesheim zeigt jedoch noch etwas anderes, nämlich den Wert, den die Studierenden dem Leben und dem sozialen Raum auf dem Campus, mit seinen Gesprächen, gemeinsamen Essen und diversen Lernräumen in Bibliotheken zuschreiben. Dieser Wert zeigt sich auch in den Erwartungen der voraussichtlich internationalen Studierenden, die an der Umfrage von QS teilnahmen. Dabei gaben 79 % an, dass sie im Falle eines digitalen Semester erwarten, dass die Universitäten ihre Studiengebühren senken. Die nun breiter genutzten Möglichkeiten der Online-Lehre erzeugen also ganz neue Dynamiken in den Wissenschaftsbetrieben, welche Veränderungen auf beiden Seiten – Studierende und Lehrende – provozieren werden.

In dieser Beitragsreihe konnten wir zeigen, dass die Pandemie tief- und vielschichtig in den Alltag der Wissen(schaft)sproduktion eingreift. Zum einen in die Ausbildung von Studierenden, in die Vermittlung von Lehrinhalten in Distanzlehre, aber zum anderen auch in die Möglichkeiten des Austausches – sei es national oder international, formeller wie informeller Weise. Internationales Forschen in Präsenz war im vergangenen Jahr quasi nicht mehr möglich. Es bleibt abzusehen, welche Gruppe den verhältnismäßig größeren Schaden erleiden muss und welche langfristigen Chancen dabei für Forschung und Bildung entstanden sind.

Quellen

  1. Aeschbach N. (2020) “Eine neue Art von Nähe – Impulse für mehr Nachhaltigkeit im internationalen Wissenschaftsbetrieb” Online unter URL: https://www.csc-blog.org/de/eine-neue-art-von-naehe-impulse-fuer-mehr-nachhaltigkeit-im-internationalen-wissenschaftsbetrieb, zuletzt geprüft am 16.02.2021
  2. Traus A., Höffken K., Tomas S., Mangold K., Schröer, W. (2020) “Stu.diCo. – Studieren digital in Zeiten von Corona”, Universitätsverlag Hildesheim, online unter URL: https://dx.doi.org/10.18442/150, zuletzt geprüft am 24.01.2021

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