Frauen in der Türkei – Solidarität in Krisenzeiten

Frauen in der Türkei – Solidarität in Krisenzeiten

20. Jahrestag des Feministischen Nachtmarsches

Vor fast einem Jahr ist die Türkei nach einem Erlass des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan von der Istanbul Konvention ausgetreten. Der Artikel ist ein follow-up eines vorherigen Beitrags. Im Zentrum stehen feministische Kämpfe in der Türkei.

08.03.2022

Türkei

Hauptstadt: Ankara
Einwohner:innenzahl: circa 83,15 Millionen
Sprachen: etwa 26 Landessprachen, darunter die am häufigsten gesprochene Zweitsprache Kumandschi, eine der drei kurdischen Sprachen; die Amtssprache ist Türkisch

 

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Vor fast einem Jahr ist die Türkei nach einem Erlass des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan von der Istanbul Konvention ausgetreten. Die Konvention des Europarates zur Prävention und Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen, ist der erste bindende Vertrag um geschlechterbasierte Gewalt zu bekämpfen.1  Der Grund des Rücktritts, der weit zirkuliert wurde: Die Konvention würde die traditionellen Werte der türkischen Gesellschaft gefährden. Die Realität sieht anders aus. Ohne die Istanbul Konvention gibt es keinen rechtlichen Rahmen, um Frauen effektiv gegen geschlechterbasierte Gewalt zu beschützen. Darüber hinaus hat die Corona Pandemie zu einer Zunahme an häuslicher Gewalt geführt. In der Türkei wurden 2021, 417 Morde an Frauen verzeichnet.2 

Während täglich neue Fälle von geschlechterbasierter Gewalt an die Öffentlichkeit kommen, sorgt die wirtschaftliche Situation der Türkei für Schlagzeilen. Schon vor der Pandemie sah sich die wirtschaftliche Lage Herausforderungen gegenüber, alles Dank falschen wirtschaftlichen Gesetzen und Maßnahmen. Das Problem hat sich seit letztem Jahr dramatisch verschlimmert, die Inflationsrate ist himmelhoch und die türkische Lira verliert immer mehr an Wert. Täglich steigen die Preise für Lebensmittel, was eine Verarmung der Bevölkerung zur Folge hat. Der Preisanstieg hat sanitäre Produkte hart getroffen, was immer mehr zur period poverty (Periodenarmut) führt.3  Bilder von Menschen in Brotschlangen gehören zur neuen Realität der Türkei. Die Verschlechterung der Wirtschaft hat das Land noch tiefer gespalten. Die einen halten zu ihrem Präsidenten und machen ausländische Kräfte für die Situation verantwortlich, während die anderen die Verantwortung bei einer Person sehen und zwar dem Präsidenten. Die Äußerungen und Handlungen der Regierung führen abermals zu der Frage, wo geht die Türkei hin.

Das berühmte Zitat “das Persönliche ist politisch” von Carol Harnish4 passt sehr gut in den Kontext der aktuellen Entwicklungen des Landes. Während Gewalt gegen Frauen ihren Hochstand erreicht, manifestiert sich die Gewalt immer mehr in Form von verbaler Gewalt in der türkischen Politik. Von den Kostümen, die Sängerinnen auf der Bühne Tragen, zu den Liedtexten, die sie schreiben, Frauen werden zur Zielscheibe gemacht. Die Debatte über die Körper der Frauen wird in der Öffentlichkeit geführt, meistens von Männern. Frauen werden für die Wahl ihrer Kleidung verurteilt, ihre Moral wird in Frage gestellt. Eine Sängerin, die zur Zielscheibe wurde ist die türkische Popsängerin Gülşen. Lange schwieg die Sängerin zu den Äußerungen bis sie schließlich, nachdem ihr Ehemann in den Debatten aufgefordert wurde “seine Frau zu kontrollieren”, die Stille brach. Gülşen antwortete, sie sei ein Mensch mit freiem Willen.5 Sezen Aksu, eine der berühmtesten Sängerinnen und Liedtextverfasserinnen des Landes wurde direkt vom Präsidenten während seiner Rede zum Freitagsgebet auf Grund eines Liedes, das 2017 geschrieben wurde, angegriffen. Der Präsident warf der Sängerin Blasphemie vor und sprach öffentlich Drohungen aus.6

In einem Land mit wachsender Verzweiflung und Armut und politischer Polarisierung, können offene Drohungen vom Präsidenten tatsächliche Sicherheitsfolgen haben, gerade für Frauen. Die Politisierung von Frauenkörpern ist keine neue Strategie der türkischen Regierung, zeigt aber, wie verankert geschlechterbasierende Gewalt in der Politik der Türkei ist.

Die Handlugen und Äußerungen des Präsidenten spiegeln den verzweifelten Willen wider, an der Macht zu bleiben, während die jüngsten Krisen das Land weiterhin spalten. Jedes beliebige Thema, das die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von aktuellen wirtschaftlichen Ereignissen ablenkt, wird von dem Präsidenten und seinen Verbündeten verwendet. Die Angst vor Machtverlust macht den Präsidenten gefährlicher denn je zuvor. Täglich gehen Meldungen über Verstöße gegen die Meinungs- und Pressefreiheit ein. Journalist:innen werden bei der kleinsten Kritik an das Regime festgenommen. Ein Tweet in die Richtung des Palastes genügt. Sowie in dem Falle von Sedef Kabas, die vor kurzem mitten in der Nacht in ihrem Haus festgenommen wurde.7 

"Wenn der Ochse in den Palast einzieht, wird er nicht zum König, der Palast jedoch zum Stall"

Trotz den Herausforderung, vor denen Frauen tagtäglich stehen, gibt es noch Hoffnung. Frauen vereinen sich weiterhin und erheben ihre Stimme zusammen.  Angesichts der zunehmenden Morde an Frauen und LGBTQIA+ Individuen, sind es die Frauen, die dafür sorgen, dass die Namen nicht vergessen werden. Sie fordern Gerechtigkeit und eine transparente Strafverfolgung. Die Istanbul Konvention ist nicht vergessen und die Frauen setzen ihren Kampf fort, um die Konvention in der Türkei erneut zu ratifizieren.

Der Feministische Nachtmarsch: Zum ersten Mal fand der Feministische Nachtmarsch 1992 statt, um gegen den Krieg in Irak zu protestieren. Dieses Jahr vereinen sich Frauen und LGBTQIA+ Menschen gegen die steigende männliche Gewalt sowie Morde an Frauen und Transmenschen.

“Wir werden nicht nach Armut strebend leben, nicht im Schatten der Gewalt. Du wirst niemals alleine laufen”

Beim Feministischen Nachtmarsch kommen jedes Jahr Frauen in ihrer ganzen Vielfalt und Menschen aus der LGBTQIA+ Community zusammen. 2022 ist das 20-jährige Jubiläum des Marsches. Dieses Jahr marschieren Frauen gegen zunehmende Armut und Gewalt. Die COVID-19-Pandemie hat die Auswirkungen dieser Probleme vertieft und zur Fortsetzung des Zyklus geführt. Gerade rechtzeitig zum Marsch, begannen die Prozesse gegen die Frauen, die im vergangenen Jahr während des Feministischen Nachtmarsches festgenommen wurden. 17 Frauen wurden während des Marsches im vergangenen Jahr unter dem Vorwand der Beleidigung des Präsidenten festgenommen. Die Forderung der Freiheitsstrafe ist absurd, bis zu 7 Jahre und 8 Monate.8  

Die Frauen- und LGBTQIA+-Bewegungen sind trotz schwerer Rückschläge und Vergeltungsmaßnahmen durch die Regierung stark geblieben. Der 8. März ist mehr als jeder andere, der Tag der Solidarität. Der Tag bietet die Gelegenheit, zusammenzukommen und sich im Kampf gegen alle Formen von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt und Unterdrückung zu vereinen. Es ist eine Gelegenheit, Politiker:innen aus Ländern wie Deutschland aufzurufen, die einen feministischen Ansatz in der Außenpolitik verfolgen wollen. Das jüngste Treffen der deutschen Außenministerin mit dem Außenminister der Türkei, bei dem Gespräche über Partner:innenschaften aufkamen, sollten genutzt werden, um auf die Situation von Frauen in der Türkei aufmerksam zu machen und Druck auf die türkische Regierung auszuüben. Die Türkei führt die Bombardierung von der zivilen Bevölkerung in Rojava und Nordirak derweil unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung fort.9   Kurdische Frauen werden von der Regierung täglich angegriffen. Während der Feministische Nachtmarsch sein 20-jähriges Bestehen feiert, wird Frauen gedacht, die inhaftiert sind, weil sie ihr Recht auf Demonstration und Meinungsäußerung wahrgenommen haben. Es liegt in der kollektiven Verantwortung der Weltgemeinschaft, Frauen und Menschen aus der LGBTQIA+ Community, die täglich jeglicher Art von Unterdrückung ausgesetzt sind, nicht zu vergessen und sich solidarisch zu zeigen.

Quellen

  1. European Parliament (2021). The Istanbul Convention: A tool for combating violence against women and girls. Unter: https://www.europarl.europa.eu/thinktank/en/document/EPRS_ATA(2021)698801

  2. Kadin Cinayetlerini Durduracagiz (2022). Report 2021. Unter: http://anitsayac.com/?year=2021.

  3. Elmas Topcu (2022). Turkish women protest: ‚Sanitary products are not a luxury‘. Deutsche Welle, 23.01.2022. Unter: https://www.dw.com/en/turkish-women-protest-sanitary-products-are-not-a-luxury/a-6050088

  4. Britannica: The Personal is Political. Unter: https://www.britannica.com/topic/the-personal-is-political

  5. Cumhuriyet Gazetesi. Kıyafeti üzerinden hedef alınan Gülşen’den ilk açıklama, 20.01.2022. Unter: https://www.cumhuriyet.com.tr/yasam/unlu-sarkici-gulsen-kiyafet-tartismalarina-yanit-verdi-hicbir-sifatin-kolesi-degilim-1901643

  6. Deutsche Welle. Erdoğan’dan Sezen Aksu’ya yönelik sert ifadeler, 21.02.2022. Unter:  https://www.dw.com/tr/erdoğandan-sezen-aksuya-yönelik-sert-ifadeler/a-60519023

  7. BBC. Sedef Kabas: Turkish journalist jailed for reciting proverb. 23.01.2022. Unter: https://www.bbc.com/news/world-europe-60099931

  8. Sözcü Gazetesi. 8 Mart Feminist Gece Yürüyüşü davası başladı, 01.03.2022. Unter:  https://www.sozcu.com.tr/2022/gunun-icinden/8-mart-feminist-gece-yuruyusu-davasi-basladi-6982711/

  9. Tagesschau. Türkei fliegt Luftangriffe auf Kurdenmilizen, 22.02.2022. Unter: https://www.tagesschau.de/ausland/asien/tuerkei-luftangriffe-kurden-101.html

Autorin
Freya Scharrelmann

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