Log Kya Kahenge – „Was würden die Leute sagen“

Log Kya Kahenge –
„Was würden die Leute sagen“

Die Sozialwissenschaftlerin Pankhuri berichtet von häuslicher Gewalt in Indien, den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die aktuelle Situation und Möglichkeiten, der Gewalt zu entkommen.

01.10.2020

Indien

Hauptstadt: Neu-Delhi
Sprachen: neben mehr als 447 indigenen Sprachen sind Hindi und Englisch die Amtssprachen
Bevölkerung: ca. 1,33 Milliarden

Schon gewusst?

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Der Ausbruch der Corona-Pandemie und der darauf in vielen Ländern folgende Lockdown hatte und hat schwerwiegende Folgen für die ökonomische Situation von Staaten, Unternehmen, Organisationen sowie Privatpersonen auf der ganzen Welt. Der IWF (Internationaler Währungsfonds) beziffert die erwartete globale Rezession im Juni 2020 mit rund 5% – Epizentren der Pandemie wie die USA erwarten einen Wirtschaftseinbruch von mindestens 8% 1. Dennoch ist der globale Wirtschaftseinbruch nicht die einzige Gefahr, die die Corona-Pandemie zutage gefördert hat: Fälle häuslicher Gewalt – insbesondere der Gewalt gegen Frauen – erfuhren durch die Veränderung des öffentlichen und privaten Lebens einen erheblichen Anstieg.

Indien ist sowohl bei den Infektionen als auch bei den Todesfällen das – nach den USA und Brasilien – weltweit am stärksten von Corona betroffene Land. Inzwischen haben die Infektionsfälle vier Millionen überschritten. Insgesamt sind bislang (Stand 06.09.2020) fast 70.000 Menschen an dem Virus gestorben. Expert*innen gehen allerdings davon aus, dass die Dunkelziffer höher ist, da in Indien wenig getestet wird. Covid-19 wird mittlerweile von den Städten in die Dörfer verbreitet. Am schwersten betroffen ist der Bundesstaat Maharashtra im Westen und drei Staaten im Süden des Landes. Allerdings steigen die Infektionen auch in den nördlichen Staaten Uttar Pradesh und Bihar. Infiziert wurden bereits mehrere Minister und sogar Ureinwohner auf den Inseln der Andamanen und Nikobaren. Soziale Distanz ist in Indien – insbesondere in großen Städten wie Delhi oder Mumbai – meistens schwierig durchzusetzen. Außerdem tragen beengte Wohnverhältnissen, zahlreiche Slums in Großstädten und verschmutztes Wasser zur Ausbreitung von Covid-19 bei 2.

In Relation zur Einwohnerzahl ist die Zahl der Infektionen zwar kein weltweiter Rekord, doch trifft die Pandemie Indien besonders hart. Dort wurde im Zuge des Corona-Ausbruchs für knapp zehn Wochen eine der strengsten Ausgangssperren weltweit verhängt. Das ganze Land wurde in unterschiedliche Zonen eingeteilt, entsprechend der Verbreitung von Corona-Fällen. Der Flug- und Zugreiseverkehr wurde im ganzen Land eingestellt. Schulen, Hotels, Restaurants und Einkaufszentren, sowie Tempel, Kirchen und Moscheen blieben geschlossen. Der Ende März beginnende und knapp 10 Wochen andauernde Lockdown hat vor allem die kleinen und mittelständischen Unternehmen in Indien in Schwierigkeiten gebracht. Der Volkswirt Devendra Pant äußerte sich für das ZDF: „Ein Lockdown, strikter als anderswo, wurde verhängt. 68 Tage stand alles still. Dieser Lockdown musste sein, aber war er gut vorbereitet und umgesetzt? Nein, er hat die Wachstumskurve der Wirtschaft abgeflacht, aber nicht die Infektionskurve des Virus.“ 3 Die Bundesregierung unterstützt mit 330.000 Corona-Testkits und 600.000 Schutzausrüstungen im Wert von 15 Millionen Euro das indische medizinische Personal. Finanziert werden diese Maßnahmen über das Corona-Sofortprogramm des Entwicklungsministeriums. Dies sei „weltweit eine der größten Corona-Unterstützungsmaßnahmen“. Zusätzlich stelle das Entwicklungsministerium kurzfristige Kredite im Umfang von 460 Millionen Euro für Nahrungsmittel und Überbrückungshilfen an Menschen in Indien, die in der Corona-Krise ihren Job verloren haben, bereit 4.
Um die Wirtschaft wiederherzustellen, fährt der Regierungschef Modi die Corona-Maßnahmen weiter zurück – obwohl die Infektionszahlen stark steigen. Am 1. September kündigte er die vierte Stufe der Corona-Lockerungen an: Öffentliche und private Veranstaltungen dürfen dann wieder stattfinden, wenn sie weniger als 100 Teilnehmer haben. Beschränkungen von Reisen und dem Güterverkehr zwischen den einzelnen Bundesstaaten werden aufgehoben. Mit der generellen Rückkehr zu einem normalen Alltag dürfte sich die Wirtschaft zwar erholen – allerdings wird die Erholung dauern. Zudem zeigen unterschiedliche Indikatoren, dass der Aufschwung nach Beendigung des Lockdowns langsam zum Stillstand komme. Für ein umfangreiches neues Konjunkturpaket fehlen der Regierung die Finanzmittel. Die Steuereinnahmen brachen im zweiten Quartal um ein Drittel ein. Das Defizit im laufenden Finanzjahr dürfte laut mehreren Ratingagenturen wegen der Coronakrise mit rund sieben Prozent in etwa doppelt so hoch ausfallen wie geplant. Die Pandemie ist aber nicht der einzige Grund: Indien hatte schon vor dem Virusausbruch mit einer Wachstumsschwäche zu kämpfen5.

Im Kontrast zu den offensichtlichen und monetär messbaren Veränderungen werden verstecktere Auswirkungen, wie die im privaten Umfeld lauernden Gefahren, vergleichsweise wenig öffentlich adressiert. Laut United Nations (UN) Women wurden in den letzten 12 Monaten rund 243 Millionen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren weltweit Opfer von sexueller oder physischer Gewalt. Studien belegen, dass diese Zahl besonders während des Lockdowns, beziehungsweise während des Corona-Ausbruchs massiv gestiegen sind. In Frankreich kam es zeitweise zu einem Anstieg von geschätzt 30%. Gleichzeitig fällt es den Betroffenen von häuslicher Gewalt durch die Corona-Maßnahmen häufig deutlich schwerer, sich Hilfe zu holen. Vor allem in low- oder lower-middle income countries sind Frauen, als häufigste Opfer von häuslicher Gewalt, oftmals von einem „gender digital divide“ betroffen und haben somit nur eingeschränkten Zugang zu beispielsweise Mobiltelefonen6.
Häusliche Gewalt stellt kein neues Phänomen dar. Dennoch präsentiert sie sich insbesondere vor dem Hintergrund der Pandemie als perfide und schwer greifbar und wirft die Frage auf, wie Betroffene geschützt und Präventionsmaßnahmen wirksam gestaltet werden können.

© elCarito via unsplash

Aus diesem Grund haben wir uns mit Pankhuri*, einer Sozialwissenschaftlerin aus Neu-Delhi, unterhalten. Sowohl während ihres Studiums als auch im Rahmen späterer Berufserfahrungen setzte sie sich mit dem Themenfeld der psychischen Gesundheit, insbesondere von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, auseinander. Vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen als auch ihrer akademischen Laufbahn sieht sie den häuslichen und familiären Raum in Indien als häufigen Schauplatz von Gewalt. Diese umfasst nicht nur offensichtlichere Formen wie sexuelle, physische und verbale, sondern insbesondere emotionale und psychische Gewalt. Grund hierfür ist, dass letztere in der indischen Kultur normalisiert seien und ein genereller Mangel an Bewusstsein für diese Form der Gewalt bestünde.
*Name geändert

Die Schuld liegt im Patriarchat, regressiven gesellschaftlichen Vorstellungen und Korruption.

Pankhuri

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Schon in jungen Jahren lernen Kinder, dass Gewalt und verbale Beleidigung legitime Mittel zur Erziehung und Disziplinierung seien. „Gewalt unter Männern wird immer noch durch Aussprüche wie ‚boys will be boys‘ normalisiert“. Frauen, die nach der Heirat meist in das Haus der Familie des Mannes einziehen, wird der Eindruck vermittelt, sie müssten die Lebensart dieser erst noch erlernen und sich ihrer anpassen. Der Frauenkörper selbst wird als „heilig“ oder „gottgleich“ definiert und steht nach dieser Klassifizierung ausschließlich dem Ehemann zur Verfügung. Pankhuri weist darauf hin, dass sich diese Annahme selbstverständlich von Familie zu Familie und von Region zu Region verändern kann. „Dennoch ist es ein weit verbreiteter Glaube, dass Frauen, die keine dupattas tragen, beschämend für Familienmitglieder sind – dies gilt insbesondere für verheiratete Frauen“.

Dupatta

Dupatta

Dupattas sind Tücher, die über der Kleidung getragen werden, um die Brust zu bedecken.

Auch die Korruption im Land macht Pankhuri für die anhaltend hohe Zahl von Fällen häuslicher Gewalt verantwortlich. Politiker*innen und Polizist*innen seien Teil der Gesellschaft und spiegeln damit auch deren Ansichten wider. Zudem zeigen Fälle aus der Vergangenheit, dass jeder Vorwurf von häuslicher Gewalt, Vergewaltigung und sogar Mord durch politische Einflussnahme und Geld aus der Welt geschafft werden könne. Auch die indische Gesetzeslage macht es Opfern häuslicher Gewalt oftmals schwer, Fälle zur Anzeige zu bringen: Vergewaltigung innerhalb der Ehe wird nicht als Verbrechen geahndet. Ebenso ist die Zahlung von dowry – einer Mitgift, welche die Familie der Braut an die Familie des Bräutigams übergibt – zwar offiziell verboten, stellt aber dennoch auch heute noch eine gängige Praxis dar. „Es gibt eine Vielzahl von Fällen von häuslicher Gewalt, in denen Ehemänner und angeheiratete Verwandte die Brautfamilie peinigen, um dowry zu erhalten“, berichtet Pankhuri.

Bildung und wirtschaftliche Stabilität sind kein Allheilmittel

Aber wer sind die Betroffenen häuslicher Gewalt? Haben Geschlecht, Alter, Religion, Kaste, Nationalität oder Herkunft einen Einfluss auf die Gefahr, Opfer von ihr zu werden?

Ja, sagt unsere Interviewpartnerin. Der Großteil der Opfer sind Frauen. Hierin zeigt sich erneut der Einfluss, den die Sozialisation in Indien auf gesellschaftliche Vorstellungen in Bezug auf Geschlechterrollen hat. „Bereits im Kindesalter wird jungen Frauen erzählt, sie müssen bescheiden, demütig und tolerant sein, während Jungen ein hypermaskulines und dominantes Verhalten anerzogen wird“. Religion spielt nach Aussage von Pankhuri ebenfalls eine Rolle – besonders im Islam und Hinduismus seien patriarchale Ideologien stark verankert. Dies zeigt sich auch bei der Familienplanung: Obwohl die Feststellung des Geschlechts eines Kindes vor seiner Geburt in Indien verboten ist, ist sie weiterhin gängige Praxis. Frauen, die keinen Jungen gebären können, müssen häufig Demütigungen durch ihre Familien erleiden. Ebenso sind patriarchale Vorstellungen in ländlichen Gegenden stärker verbreitet als im städtischen Raum – Frauen und Mädchen werden im Schnitt jünger verheiratet und beenden ihre schulische Ausbildung früher. Auch die Gewaltrate gegen Frauen ist in diesen Gegenden höher.

Zudem ist das Kastensystem in Indien immer noch stark mit gesellschaftlichen Vorstellungen und Hierarchien verknüpft: „Die Geschichte zeigt, dass Frauen niedrigerer Kaste, besonders dalit Frauen – eine der niedrigsten Kasten – wie Dienerinnen und Objekte zur sexuellen Ausbeutung von höheren Kasten benutzt wurden“. Dennoch betont Pankhuri: „Bildung und wirtschaftliche Stabilität haben nicht zwingend einen positiven Einfluss auf die Reduktion von häuslicher Gewalt. Das liegt daran, dass sich die gesellschaftliche Haltung nicht verändert hat“.

Das Kastensystem in Indien

Das Kastensystem in Indien

Das Kastensystem ist ein besonders in Indien verbreitetes Phänomen der hierarchischen Einordnung und Abgrenzung gesellschaftlicher Gruppen. Das System basiert auf religiösen Vorstellungen, die vorrangig im Hinduismus begründet liegen. Es strukturiert unter anderem Arbeitsteilung und Heirat innerhalb der Gesellschaft. Die sozialen Grenzen zwischen den Kasten wurden auch durch die Kolonialzeit und die britische Herrschaftsstrategie des „divide and rule“ verschärft. Seit der indischen Verfassung 1950 ist Diskriminierung aufgrund von Kastenzugehörigkeit verboten – dennoch findet das Kastensystem auch heute noch Einklang in latente Gesellschaftsstrukturen und das alltägliche Leben in Indien.

„Log Kya Kahenge“ –

Was würden die Leute sagen

Laut UN Women6 holen sich weniger als 40% aller Frauen, die Gewalt erfahren haben, Hilfe. Weniger als 10% davon tun dies bei der Polizei. In Indien sind diese Zahlen noch eindrücklicher: Zwischen 2015 und 2016 wurden 33% aller Frauen in Indien Opfer von Gewalt durch ihren Ehepartner – nur 14% davon haben versucht, sich Hilfe zu holen7. So bleibt ein Großteil der Fälle ungemeldet und taucht nicht in den offiziellen Statistiken auf. Besonders Kinder unter 14 Jahren werden nach Aussagen unserer Interviewpartnerin oftmals Opfer von sexueller und physischer Gewalt innerhalb der eigenen Familie. Die Betroffenen werden beeinflusst und bedroht, um die Vorfälle zu vertuschen: „Opfer von häuslicher Gewalt werden so sehr manipuliert, dass sie glauben, sie hätten durch ihre Handlungen die Gewalt provoziert oder sie sogar selbst gewünscht“. Das Gefühl von Schuld verhindert eine Öffnung gegenüber Vertrauenspersonen. Gesellschaftliche Vorstellungen von Familie und Zusammenhalt erschweren es den Betroffenen zusätzlich Hilfe zu suchen: „Es gibt ein bekanntes Sprichwort unter Inder*innen – Log Kya Kahenge – was bedeutet ‚Was würden die Leute sagen‘. Es wird meistens in Situationen von häuslichen Konflikten genutzt und zeigt, wie ein Großteil der Opfer von Gewalt dazu genötigt wird, mit dem Täter unter einem Dach zu leben und sich lebenslanger Gewalt auszusetzen. Es wird als wichtiger angesehen, die Familie für den Namen und die Ehre zusammen zu halten, da ein Gesichtsverlust vor den Augen der Gesellschaft nicht akzeptiert werden kann“.

Außerdem sind viele Opfer häuslicher Gewalt von ihrem Missbraucher abhängig. Laut Amnesty International India arbeiten Frauen häufiger in unsicheren Arbeitsbedingungen, wodurch es ihnen schwerer fällt, aus der gewalttätigen Beziehung zu entfliehen. Besonders vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie haben Frauen oft keine realistische Möglichkeit, sich ein unabhängiges Leben aufzubauen8.

Gefangen in den eigenen vier Wänden

Die Lockdown-Situation befeuert häusliche Konflikte nach Einschätzung von Pankhuri zusätzlich: „Betroffene sind gefangen in ihrem eigenen Zuhause, 24 Stunden am Tag, und sie haben keine Möglichkeit der Gewalt zu entkommen. Die meisten Leute mit Jobs arbeiten von zuhause aus, und die, die ihre Jobs verloren haben, lassen ihre finanzielle Frustration durch Gewalt am Partner aus und nutzen sie als Sündenbock für ihre Wut“. Immer wieder tauchen neue Fälle von Männern, die ihre Partnerinnen missbraucht oder geschlagen haben, in den Medien auf. Sie erzählt uns von einem aktuellen Bericht der Delhi Commission for Women (DCW), der daraufhin weist, dass die Zahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt zu Beginn des Lockdowns zunächst stark gefallen, dann aber signifikant gestiegen ist und sich bis heute weiter erhöht. Allein von der ersten bis zur letzten Märzwoche hat sich die Zahl dieser Beschwerden mehr als verdoppelt, die Zahl der Beschwerden wegen Vergewaltigung beziehungsweise versuchter Vergewaltigung hat sich im selben Zeitraum mehr als versechsfacht. Die indische Frauenrechtsaktivistin Vrinda Grover kritisierte in einem Interview mit der Zeitung „The Hindu“ die aktuelle Situation: „Der Lockdown kann nicht heißen, dass du mich vor einem Virus rettest, aber mich anderen Formen von Gewalt aussetzt. Die Polizei ist nicht die erste Anlaufstelle für Opfer von häuslicher Gewalt, daher müssen alternative Arrangements getroffen werden. Das wird ein langer Lockdown sein und die Regierung muss Ressourcen zusichern, um Frauen, die sich in einer Notlage befinden, zu helfen – hierzu gehören auch Gesundheitsservices für Frauen und Abtreibungsmöglichkeiten als essenzielle Dienstleistungen“ 9.

Auswege aus der Gewalt

Die indische Regierung hat das Problem der häuslichen Gewalt erkannt und verabschiedete im Jahr 2006 den Domestic Violence Act. Mehr und mehr Nicht-Regierungsorganisationen, Prominente und auch Filmemacher*innen nehmen sich der Thematik an.

Bollywood-Filmtipp der Interviewten: „Pink“ und „Thappad” (engl. ‘slap’)

Ebenso hat sich das gesellschaftliche Bewusstsein, insbesondere unter jungen Inder*innen, erhöht. Dennoch liege ein weiter Weg voraus: „Ich habe viele Freunde, die Feministinnen sind und sich gegen häusliche Gewalt einsetzen und dennoch scheinbar blind für genau diese Fälle in ihrem eigenen Umfeld sind. Ihnen wurde beigebracht zu glauben, in einer solchen Situation machtlos zu sein und sich verantwortlich für die Wut und Gewalt des Missbrauchs zu fühlen“. Auch lassen es bestimmte Strukturen innerhalb der Familie oft nicht zu, die Gewalt offen anzusprechen: „Diese Dinge werden als Ghar ke andar ki baatein wahrgenommen, was bedeutet, dass sie nicht die Grenze der eigenen vier Wände überschreiten sollten“. Die Polizei wird in den meisten Fällen nicht als Hilfe angesehen: „Ich kenne Fälle, in denen Opfer die Polizei angerufen haben, um Schutz zu finden. Der Täter hat dann das Opfer beschuldigt und behauptet, dass dieses sie selbst bedroht oder angegriffen habe, woraufhin der Täter Gewalt als Mittel der Selbstverteidigung nutzen musste“. Zudem ist die Polizei in diesem Feld oft nicht ausreichend ausgebildet und reagiert unsensibel oder unangebracht auf Hilferufe der Betroffenen. „Folglich werden diese Probleme und Berichte in einem frühen Stadium abgewiesen. Die meisten Leute werden den Frauen raten, bei kleineren Vorfällen nicht in den gerichtlichen Prozess einzutreten und Scheidungen anzustreben, da Gerichtsprozesse hässlich werden können und meist lange Zeit beanspruchen – insbesondere bei einem Mangel an Beweisen“.

Möglichkeiten für Hilfesuchende

Aus diesem Grund gibt es auch in Indien spezielle Helplines und sogenannte „SHE Teams“ – eine Unterabteilung der Polizei – die in Fällen häuslicher Gewalt erste Anlaufstellen sind und Unterstützung bieten können. Nach Einschätzung von Pankhuri ist die Reaktionsfreudigkeit dieser jedoch häufig eher fragwürdig: „Das Einzige, was ich auf persönlicher Ebene empfehlen kann, ist es, sich um psychologische Beratung zu kümmern, einem vertrauenswürdigen Erwachsenen zu informieren, der einen finanziell unterstützen und Zuflucht in einer schlechten Situation geben kann, sowie einen Fluchtplan für akute Bedrohungen vorzubereiten. Auch soziale Medienplattformen können genutzt werden, um Familie und Freunde zu informieren und einen ‚local guardian‘ für unverzügliche Sicherheit zu identifizieren“.

Es bleibt die Hoffnung, dass gesellschaftlicher Aktivismus sowie staatliche Regulierungsversuche im Rahmen von Gesetzen und Awareness-Kampagnen häusliche Gewalt in Indien und weltweit nicht nur zu Zeiten von Corona nach und nach eindämmen können. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass noch ein weiter Weg voraus liegt.

Pankhuri hat vor dem Hintergrund des Interviews ein Video mit den für sie wichtigen Informationen sowie aktuellen Fällen von Gewalt an Frauen in Indien erstellt, welches ihr euch hier anschauen könnt:

Video: Zusammenschnitt von Newsmeldungen zu häuslicher Gewalt in Indien; Quelle: Pankhuri

Quellen

  1. Tagesschau (2020): Weltwirtschaft in der Corona-Krise. IWF rechnet mit noch stärkerer Rezession. Online verfügbar unter: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/iwf-prognose-corona-101.html#:~:text=Weltwirtschaft%20in%20der%20Corona%2DKrise%20IWF%20rechnet%20mit%20noch%20st%C3%A4rkerer%20Rezession&text=Der%20Internationale%20W%C3%A4hrungsfonds%20bef%C3%BCrchtet%20wegen,Deutschland%20erh%C3%A4lt%20ein%20gutes%20Zeugnis
  2. Deutschlandfunk (2020): Auch in Indien übersteigt die Corona-Virus Infektionszahl die Vier-Millionen-Marke. Online verfügbar unter: https://www.deutschlandfunk.de/pandemie-auch-in-indien-uebersteigt-die-coronavirus.1939.de.html?drn:news_id=1169882
  3. ZDF (2020): Indien: Corona verschärft die Krise. Online verfügbar unter: https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/coronavirus-indien-lockdown-100.html
  4. FAZ (2020): Bundesregierung weitet Corona-Hilfen für Indien aus. Online verfügbar unter: https://www.faz.net/2.1677/kampf-gegen-die-pandemie-bundesregierung-weitet-corona-hilfen-fuer-indien-aus-16940343.html
  5. Handelsblatt (2020): Indiens Konjunktur bricht ein wie nie zuvor – Virus breitet sich in Rekordgeschwindigkeit aus. Online verfügbar unter: https://www.handelsblatt.com/politik/international/coronakrise-indiens-konjunktur-bricht-ein-wie-nie-zuvor-virus-breitet-sich-in-rekordgeschwindigkeit-aus/26144054.html?ticket=ST-13126436-HZ1YqpbPxV3kXmWHR4Hj-ap6
  6. UN Women (2020): Covid 19 and ending violence against women and girls. Online verfügbar unter: https://www.unwomen.org/-/media/headquarters/attachments/sections/library/publications/2020/issue-brief-covid-19-and-ending-violence-against-women-and-girls-en.pdf?la=en&vs=5006
  7. BBC (2020): What India’s lockdown did to domestic abuse victims. Online verfügbar unter: https://www.bbc.com/news/world-asia-india-52846304
  8. Amnesty International India (2020): COVID-19 in Asia: A Closer Look At Women’s Unpaid And Underpaid Work During A Pandemic. Online verfügbar unter: https://amnesty.org.in/covid-19-in-asia-a-closer-look-at-womens-unpaid-and-underpaid-work-during-a-pandemic/
  9. The Hindu (2020). National Commission for Women records a rise in complaints since the start of lockdown. Online verfügbar unter: https://www.thehindu.com/news/national/national-commission-for-women-records-a-rise-in-complaints-since-the-start-of-lockdown/article31241492.ece

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