Street Art in Kolumbien

Wahrheitsfindung in digitalen Zeiten

Wahrheitsfindung in
digitalen Zeiten

2016 erhielt der Friedensvertrag von Kolumbien internationale Aufmerksamkeit. Was passiert, wenn die Wahrheitskommission ins Digitale verschoben werden muss?

12.04.2021

Kolumbien

Hauptstadt: Bogotá
Sprachen: neben 65 indigenen Sprachen und 2 Kreolsprachen ist Spanisch die Amtssprache
Einwohnerzahl: ca. 48,3 Millionen

 

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Wahrheitskommission digital - (Wie) geht das?

Eine intensive und angemessene Auseinandersetzung mit einer gewaltvollen Vergangenheit ist eine schwere Aufgabe. Um dieser Herausforderung gerecht zu werden hat die kolumbianische Wahrheitskommission mehrere Schwerpunkte gesetzt. Zwei davon sind psychosoziale Begleitung und (partizipative) Kunst. Doch ist diese Arbeit auch online möglich? Was bedeutet es, wenn die Vergangenheitsaufarbeitung pandemiebedingt in den digitalen Raum verschoben werden muss?

Wahrheitskommissionen sind temporäre Institutionen, die nach Diktaturen oder Bürgerkriegen ins Leben gerufen werden. Sie sammeln Zeug*innenaussagen von Personen, die entweder selbst Gewalt erfahren oder diese beobachtet haben. Ziel ist es, Menschenrechtsverletzungen und Gewalttaten aufzuklären und diese in Form eines finalen Berichts zu veröffentlichen und daraus Empfehlungen abzuleiten, um zukünftige Gewalt zu vermeiden. Wahrheitskommissionen sind eine von mehreren ineinandergreifenden Institutionen der Transitional Justice, die den politischen und sozialen Übergang vom Krieg zum Frieden unterstützen sollen.1

In Kolumbien wurde die ‘Comisión para el Esclarecimiento de la Verdad, la Convivencia y la No Repetición’ (auf Deutsch ‘Kommission für die Aufklärung der Wahrheit, des Zusammenlebens und der Nicht-Wiederholung‘), im Folgenden als Wahrheitskommission benannt, auf der Basis des Friedensvertrages von 2016 eingerichtet. Dieser wurde nach über einem halben Jahrhundert andauernden Konflikt zwischen der bewaffneten Guerillagruppe FARC-EP und der kolumbianischen Regierung geschlossen. Ihr Mandat beinhaltet drei Hauptziele:

  1. Die umfassende Aufarbeitung des kolumbianischen Konflikts. Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses der Vergangenheit innerhalb der Bevölkerung. Beachtung marginalisierter Stimmen, der vom Konflikt Betroffenen.
  2. Anerkennung der Opfer des Konflikts als relevante Akteur*innen für die politische Transformation des Landes
  3. Das Zusammenleben innerhalb der Regionen ermöglichen, um die Grundlage für eine friedliche Konfliktlösung im Sinne einer respektvollen, toleranten Demokratie zu schaffen.2

Es handelt sich um einen der weltweit ambitioniertesten Versuche, eine Geschichte der Massengewalt umfassend aufzuarbeiten. Innovativ ist der „territoriale, differenzielle und Genderfokus“. Dies bedeutet, dass die Kommissionsziele mit einem territorialen Fokus verfolgt werden, um auf die individuellen Konfliktdynamiken der Regionen gezielter eingehen zu können. Darüber hinaus hat die Wahrheitskommission ein besonderes Augenmerk auf die unterschiedlichen Gewalterfahrungen verschiedener sozialer (marginalisierter) Gruppen gelegt und damit eine intersektionale Perspektive genutzt. So kann die Reproduktion struktureller Gewalt innerhalb des Konflikts aufgedeckt werden. Hier ist vor allem der ‚enfoque de género‘, der Genderfokus zu nennen.2 Erschwert wird die Arbeit der Wahrheitskommission durch die auch nach dem Friedensabkommen anhaltende Gewalt und die Corona-Pandemie.

Die kolumbianische Wahrheitskommission hat einen riesigen Fundus von Videomaterial kreiert, welcher auf ihrem YouTube-Kanal zu finden ist. Ein Klicken auf die Seite eröffnet einen „Dschungel“ an Videos, in dem man sich leicht verirren kann. Es gibt zahlreiche Formate: gefilmte Veranstaltungen von bis zu drei Stunden aus vor-Corona-Zeiten, Videotalks über Kunst und Erinnerung, Musikvideos, Dokumentationen, Kurzfilme als Schlaglichter einzelner Schicksale und vieles mehr.

In Anbetracht ihres Mandats und ihrer Zielsetzungen gibt es zahlreiche und vor allem hohe Erwartungen an die Wahrheitskommission. Im Spannungsfeld von Zivilbevölkerung, Betroffenen, Konfliktakteur*innen, der Regierung und der internationalen Gemeinschaft sowie einem knappen Zeitraum von drei Jahren versucht die Wahrheitskommission, diesen gerecht zu werden. Was sind die Herausforderungen und Chancen dieses Vorhabens im digitalen Raum?

Hereingezoomt:
"Mein Körper sagt die Wahrheit"

Wir neigen dazu, Videos und Filmmaterial an uns vorbeirauschen zu lassen. Doch ein genauerer Blick ist oft lohnenswert, denn er zeigt, wie Wirklichkeit visuell konstruiert wird. Deshalb haben wir uns verschiedene Videos der Wahrheitskommission angeschaut und wollen hier eines dieser Videos näher beleuchten. Das Video „Apertura Encuentro por la Verdad ‘Mi Cuerpo Dice la Verdad’“ bildet Betroffene von sexualisierter Gewalt ab, die von ihren Erfahrungen berichten. Die Veranstaltung, bei der das Video gezeigt wurde, fand vor der Corona-Pandemie in Cartagena statt.3 Sie war von immenser symbolischer Bedeutung, denn hier wurde das Thema der gender-basierten Gewalt an den Beginn einer Serie öffentlicher Veranstaltungen gesetzt. Das Video ist in schwarz-weiß gehalten und von einer ruhigen und schweren Instrumental-Musik unterlegt. Die Sprechenden des Videos folgen einem klaren Skript. So ordnen sie sich zunächst einer oder mehreren Identitätskategorien zu, gefolgt von Ort und Zeitpunkt der Tat, sowie der Tätergruppe. Das sieht dann beispielsweise folgendermaßen aus: “Ich bin eine Schwarze Frau. 24. März 2004. Buenaventura. Es waren die Paramilitärs”. Damit wird vor allem Frauen und LGBTI Personen eine Stimme gegeben, die im Alltag in Kolumbien vermehrt marginalisiert werden und damit auch verstärkt vom Konflikt betroffen sind. Ihre Realitäten werden sichtbar gemacht und anerkannt. Gleichzeitig wird die kolumbianische Gesellschaft, die von dem Konflikt nicht direkt betroffen war, über die Geschehnisse im eigenen Land aufgeklärt.

„Ich bin eine indigene Frau“ – Was ist das, eine indigene Frau zu sein? – In Kolumbien gibt es 115 verschiedene indigene Völker, jede Frau ist anders als die anderen, jede Erfahrung ist anders.

Angela Santamaría 4

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Die Darstellungsweise birgt jedoch die Gefahr, dass die Betroffenen in den genannten Rollen „gefangen“ scheinen und auf ihr Opfer-Sein reduziert werden. Ihre Erfahrungen könnten durch die sich wiederholende Struktur als gleichgeschaltet gesehen werden. Dies könnte eine tiefgreifende Aufarbeitung ihrer einzigartigen Erfahrungen erschweren. Auch die visuelle Gestaltung des Videos könnte diesen Eindruck noch unterstützen.

[Das Video enthält] sehr nahe Aufnahmen, sehr nah am Körper oder sogar den Körper ‘zerteilend’. (…) Der Staat dekontextualisiert durch seine visuelle Strategie – die Realität dieser Leben, und ihrer Verbindungen und Kontexte und Gemeinschaften

Pascha Bueno-Hansen 5

Auffällig ist, dass trotz des Titels „Mein Körper sagt die Wahrheit“ eher Kopf und Schulterbereich abgebildet sind. Dies widerspricht dem vorherrschenden Alltagsverständnis, das besonders sexualisierte Körperteile unterhalb des Halses unter den Begriff „Körper“ fasst. Bei den meisten Kameraeinstellungen wird nah an den Körper herangezoomt, sodass nur Ausschnitte der Personen wie die untere Hälfte des Gesichts oder die rechte Schulter und ein Teil des Hinterkopfes abgebildet werden. Diese Art der Darstellung der Personen hat eine enorme Wirkung. Zum einen werden die Betroffenen in Würde dargestellt und nicht objektifiziert. Zum anderen stellen die Nahaufnahmen durch beispielsweise intensiven Augenkontakt Nähe und Intimität her. Vor allem durch Mimik werden zudem Emotionen wie Trauer und Betroffenheit aber auch Wut ausgedrückt. So kann auch durch den Körper Wahrheit gesprochen werden, ohne detailliert auf Gewalterfahrungen einzugehen und im schlimmsten Fall die Sprechenden, aber auch die Zuschauer*innen erneut zu traumatisieren.

Am Beispiel dieses Videos wird deutlich, wie schwierig es sein kann, „Wahrheit“ zu formulieren. Die Aufgabe, sexualisierte Gewalt aus einer Betroffenenperspektive heraus aufzuarbeiten und gleichzeitig die Geschehnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wäre auch im Analogen eine Herausforderung. Diese Prozesse in digitale Räume zu bewegen ist ein komplexes Unterfangen, das Chancen sowie Grenzen birgt.

Die Komplexität der digitalen Wahrheitsfindung

Zunächst bieten soziale Medien wichtige Plattformen, um das Tabuthema der sexualisierten Gewalt öffentlich zu benennen. So macht die Wahrheitskommission durch das YouTube-Video einen großen Schritt hin zur Aufarbeitung dieser Gewaltverbrechen und bricht das Schweigen, das diese umgibt. Der digitale Raum bietet demzufolge eine große Öffentlichkeit und eine potenzielle Verfügbarkeit der Inhalte unabhängig von Zeit und Ort. Die Bedrohung, der besonders Frauen, LGBTI Personen und andere strukturell benachteiligte Gruppen ausgesetzt waren (und noch sind), ist unverhältnismäßig hoch, besonders im Kontext von der Betroffenheit von sexualisierter Gewalt.6 Das Video „Apertura Encuentro por la Verdad ‘Mi Cuerpo Dice la Verdad’“ bettet diese wichtigen Stimmen von marginalisierten Gruppen in den öffentlichen Diskurs ein. Sie sprechen unabhängig und für sich selbst, ihre Darstellung ist würdevoll und ästhetisch. Zudem ist es möglich, dass andere Betroffene von sexualisierter Gewalt sich ermutigt fühlen, ihre eigenen Gewalterfahrungen ebenfalls zu teilen und so einerseits ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten und andererseits einen Beitrag zur Wahrheitsfindung des Landes zu leisten. So können digitale Formate, in denen andere Betroffene öffentlich und entstigmatisierend über das Thema der konfliktbezogenen sexualisierten Gewalt sprechen, Räume der Solidarität und des Empowerments eröffnen.

Gleichzeitig ist die Wahrheitskommission weiterhin mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, wenn sie das Thema der konfliktbezogenen sexualisierten Gewalt digital aufarbeitet. Wie die Beauftragte der Wahrheitskommission Lucía González anmerkt, zeigen die Betroffenen ihre Gesichter und machen sich so höchst verwundbar.7 So liegt auf den dargestellten Personen eine große Verantwortung, die Konfliktaufarbeitung im digitalen Raum mitzugestalten. Wie schwer das Sprechen über diese Erfahrungen zusätzlich ist, wird beim Anschauen des Videos deutlich. Obwohl so viele Frauen und LGBTI-Menschen sexualisierte Gewalt erfahren, bewegen sich die Sprecher*innen in einer Gesellschaft, in der Stigmatisierung eine soziale Realität ist. So ist trotz der kollektiven Gewalterfahrung das potenzielle Stigmatisierungserlebnis im eigenen sozialen Umfeld eine Individualerfahrung.

[Die Wunden] sexualisierter Gewalt zu öffnen, ohne die spirituellen, kulturellen, psychosozialen, wirtschaftlichen Bedingungen zu haben, ist furchtbar gefährlich.

Angela Santamaría 4

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Hinzukommt die Frage nach der öffentlichen Resonanz und dem Interesse, das diesem Thema entgegengebracht wird. Eines der zentralen Ziele der Wahrheitskommission ist die Anerkennung der Opfer. Anerkennung braucht Aufmerksamkeit. Allerdings hat das hier benannte YouTube-Video nur circa 1.300 Aufrufe. So könnte bei den Sprecher*innen und anderen von konfliktbezogener sexualisierter Gewalt Betroffenen der Eindruck entstehen, dass die kolumbianische Öffentlichkeit den Gewalterfahrungen keine Relevanz beimisst.

Sicherlich wäre es falsch zu behaupten, dass ein fehlender Wille, zuzuhören der einzige Grund für die geringe Anzahl an Aufrufen ist. Faktoren wie der Zugang zum Internet sowie das Vorhandensein eines Endgeräts spielen eine wichtige Rolle bei der öffentlichen Resonanz der digitalen Arbeit der Wahrheitskommission. Dennoch bleibt die Frage bestehen, ob der hohe individuelle Leidensdruck, die Gefahr der Stigmatisierung und die individuellen Kosten, die die Betroffenen durch das öffentliche Sprechen auf sich nehmen, im Verhältnis zu der Aufmerksamkeit stehen, die diese Inhalte bekommen.

Um mit dem Leiden in Beziehung zu treten, ist es notwendig, auf der anderen Seite den Willen zum Zuhören zu finden.8

 Kann man wirklich davon sprechen, dass ein Raum eingenommen wird, wenn dieser nur wenig Beachtung findet? Nicht nur der Akt des Benennens der Wahrheit ist also von Bedeutung. Es muss auch die Konditionen geben, das Gesprochene aufzunehmen und zu verarbeiten, und damit rückwirkend einen Einfluss auf die Sprechenden zu nehmen. Die Frage bleibt jedoch, wie und durch wen diese Anerkennung erfolgen kann.

Was bedeutet es wirklich, die – wie sie [Angehörige der Wahrheitskommission] sagen – Würde und Widerstandsfähigkeit der Menschen anzuerkennen, die im Konflikt viktimisiert wurden? Wer übt diese Anerkennung aus und was bleibt den Menschen?

Juliana González 9

Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass am 18. März 2021 eine Veranstaltung der Wahrheitskommission große nationale und internationale Aufmerksamkeit generierte, die zwei Täter sprechen ließ. Es war sicherlich ein historisches Ereignis, dass der ehemalige Anführer der Paramilitärs, Salvatore Manusco (aus der US-amerikanischen Auslieferungshaft) und der ehemalige FARC-Kommandant Rodrigo Londoño in einem virtuellen Format auftraten, um ein Gespräch mit Opfern anzukündigen. In der Kommentarspalte zur Liveübertragung tummelten sich Forderungen wie „komm zum Punkt“, was diese Veranstaltung vielleicht am treffendsten beschreibt.10 Nichtsdestotrotz ist diese täterzentrierte Veranstaltung die bis dato meistgesehene Veranstaltung der Wahrheitskommission auf YouTube. Die Frage, die offen bleibt ist: Bedient die Wahrheitskommission mit ihrem opferzentrierten Ansatz das Interesse und die Bedürfnisse der breiten kolumbianischen Bevölkerung oder braucht es in erster Linie die Beantwortung von Fragen seitens der Täter?

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Der Raum muss von den Personen eingenommen werden,
[denen er gehört.]

Angela Santamaría 4

Der kolumbianische Konflikt entstand unter anderem entlang von Linien extremer sozialer Ungleichheit im Zugang zu Ressourcen wie Land. Wie bereits benannt, ist die Aufmerksamkeit, die die Arbeit der Wahrheitskommission im digitalen Raum bekommt, stark davon abhängig, inwiefern die kolumbianische Gesellschaft Zugang zum Internet hat.

Nach dem Digital 2020 Global Overview Report von Januar 2021 nutzt in Kolumbien 68 % der Bevölkerung das Internet. YouTube ist nach Google die zweitbeliebteste Seite mit 284 Millionen Aufrufen im Dezember 2020 und die meistgenutzte Social Media Plattform. Im Bezahlbarkeitsindex von Endgeräten und Services erreicht das Land nur eine Punktzahl von 48,98 von möglichen 100. Die Infrastruktur für mobile Netzwerke erreicht lediglich eine Punktzahl von 58,87.11 Außerdem kann man von einer „digitalen Kluft“ sprechen. Während städtische Gebiete gut ans Internet angebunden sind, ist es für Menschen, die im abgelegenen und ländlichen Raum leben schwieriger. Auch wenn eine Gemeinde ans Netz angeschlossen ist, heißt dies nicht, dass das Signal auch dahin kommt, wo der Großteil der Menschen tatsächlich lebt.12

Deutschland im Vergleich: 94,0 % der Bevölkerung nutzt das Internet. Deutschland erreicht im Bezahlbarkeitsindex von Endgeräten und Services eine Punktzahl von 79,94 von möglichen 100, die Infrastruktur für mobile Netzwerke liegt bei 80,81.13

Demzufolge ist davon auszugehen, dass die Verschiebung der Arbeit der Wahrheitskommission in den digitalen Raum die Konfliktlinien in Kolumbien um Zugang zu Gütern, wie zum Beispiel dem World Wide Web und digitalen Plattformen, reproduziert und verschärft. Es zeigt sich, dass der Anspruch das Problem, der soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit durch die Transitional Justice Institutionen nur schwer zu realisieren ist. Besonders in Zeiten der globalen Pandemie, in denen die Sicherung realer Existenzen und Lebensgrundlagen die Priorität ist, zeigt sich deutlich die Herausforderung der Ungleichverteilung von materiellen Ressourcen.

Es hätte in diesem Jahr keinen schlimmeren Feind als COVID-19 geben können.

Angela Santamaría 4

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Sicherlich ist es eine große Chance, dass die Wahrheitskommission ihre Inhalte potenziell zeitlich und geographisch unlimitiert zur Verfügung stellt, um so eine größere Öffentlichkeit zu generieren, als es im ‘analogen’ Raum möglich wäre. Diese große Errungenschaft birgt jedoch die Gefahr, dass Videos nicht zielgruppenspezifisch produziert und verbreitet werden, sondern für alle Personen, unabhängig von Intention und persönlicher Lebensgeschichte zugänglich sind. Das Phänomen der Zurschaustellung von Gewalterfahrungen oder der „Pornography of Violence“14 könnte hier zum Tragen kommen, da die Öffentlichkeit oft nahezu voyeuristisch mit Gewalterfahrungen umgeht. Sicherlich kann diese Gefahr nur schwer vermieden werden, abgesehen von einer sensiblen Gestaltung der visuellen und auditiven Inhalte der Videos. Diese Sensibilität und Vorsicht im expliziten Benennen der Gewalterfahrungen ist im obengenannten Video jedoch gut gelungen.

Der digitale Raum birgt die Gefahr, dass Menschen, die in ihrer Lebensgeschichte Gewalterfahrungen gemacht haben, ohne Vorwarnung mit diesen Inhalten konfrontiert werden. Eigene Traumata können so bewusst gemacht werden und Fälle von Re-Traumatisierung entstehen, auf die nicht adäquat eingegangen werden kann. Es entsteht die Problematik, dass Bedürfnisse der Zuschauer*innen nicht sensibel aufgefangen werden können. Deutlich wird also, dass die psychosoziale Arbeit der Wahrheitskommission nur in einem beschränkten Rahmen stattfinden kann. Zudem bieten das Video und viele weitere Inhalte der Wahrheitskommission, die dieses Thema behandeln, keine Informationen zu Unterstützungsangeboten, Beratungsstellen oder Schutzräumen, die potenzielle Betroffene wahrnehmen könnten. Dies lässt die Frage aufkommen, wie die Wahrheitskommission im digitalen Raum generell sensibel Gewalterfahrungen thematisieren kann, ohne Betroffene re-traumatisiert zu hinterlassen. Eine opferzentrierte Arbeit, Kerninhalt der Wahrheitskommission, bedarf des sensiblen Umgangs mit dieser Thematik und einer zielgruppengerechten Produktion von Inhalten.

Was bleibt?

Weite Teile der psychosozialen Begleitung laufen typischerweise über die direkte, physische Interaktion ab, was in Zeiten der Pandemie unmöglich erscheint. Es bleibt die herausfordernde Aufgabe, Wege zu entwickeln, besonders die Bedürfnisse der Betroffenen zu erkennen und darauf reagieren zu können, um eine individuelle als auch gesellschaftliche Heilung zu ermöglichen. Nur so kann die Wahrheitskommission ihrem Anspruch der Nicht-Wiederholung der Gewalt und des Konfliktes nachkommen.

Ein Hereinzoomen in den umfassenden digitalen Materialfundus der Wahrheitskommission verdeutlicht, wie schwer es ist, den zahlreichen an sie gerichteten Erwartungen gerecht zu werden. Es kann immer nur eine gezielte Auswahl an Stimmen gehört werden. Folglich kann es immer nur eine Annäherung an „die Wahrheit“ geben. Während dies auch ein Problem ‘analoger’ Wahrheitsfindung ist, kommen im digitalen Raum eine Reihe von neuen Fragestellungen hinzu:

  • Inwiefern kann die digitale Arbeit der Wahrheitskommission dem Anspruch der Opfersensibilität und –zentrierung gerecht werden?
  • Wen möchte die Wahrheitskommission mit ihren Videos ansprechen?
  • Welche Perspektive wird in den Videos eingenommen?

Trotz vieler Fragezeichen gibt es Ausrufezeichen. Es geht auch darum, so viele Themen wie möglich anzusprechen, damit sie vom Privaten ins Öffentliche gelangen und von der Gesellschaft anerkannt werden. Die Wahrheitskommission vereint in ihrem „Dschungel“ viele Themen und viele Stimmen, die in ihrem finalen Bericht in die Geschichte eingehen werden. Das ‘niemals vergessende Internet’ kann hier genutzt werden, um Erinnerungen, Aussagen, Schicksale und Erfahrungen auch für folgende Generationen erfahrbar und greifbar zu machen. So bedeutet auch diese Wahrheitskommission mit all ihren Stärken und Schwächen vielmehr den Beginn einer Debatte, als ihr Ende.

Die Kommission als politisch, strategische Möglichkeit,
um Themen auf den Tisch zu bringen.

Pascha Bueno-Hansen 5

Autorinnen:
Lilian Chamai Bose, Malena Franz, Shari Kohlmeyer,
Tabea Hanke, Tina Cramer & Theresa Ambré

Studierende des Masters Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Marburg

Quellen

  1. Buckley-Zistel, S. (2018). Transitional Justice. The Oxford Handbook of International Political Theory. Ed. Chris Brown, Robyn Eckersley. Online Publication: https://www.oxfordhandbooks.com/view/10.1093/oxfordhb/9780198746928.001.0001/oxfordhb-9780198746928-e-10.
  2. Comisión de la Verdad (2021). ¿Qué es la Comisión de la Verdad?. https://comisiondelaverdad.co/la-comision/que-es-la-comision-de-la-verdad [Letzter Aufruf: 23.03.2021].
  3. Comisión de la Verdad (26.06.2019). Primer Encuentro por la Verdad: ‘Mi Cuerpo dice la Verdad’ [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=NlC9txTldFE&t=3319s [Letzter Aufruf: 29.03.2021]
  4. Santamaría, A. (16.12.2020). Workshop ‘Mi cuerpo dice la Verdad’ im Rahmen des Seminars “Memoria Histórica en Tiempos digitales” unter der Leitung von Anika Oettler. (Co-)Autorin von Decolonial Sketches and Intercultural Approaches to Truth: Corporeal Experiences and Testimonies of Indigenous Women in Colombia (2020).
  5. Bueno-Hansen, P. (16.12.2020). Workshop ‘Mi cuerpo dice la Verdad’ im Rahmen des Seminars “Memoria Histórica en Tiempos digitales” unter der Leitung von Anika Oettler. Autorin von Feminist and Human Rights Struggles in Peru: Decolonizing Transitional Justice (2015).
  6. Maier, N. (2020). Queering Colombia’s peace process: a case study of LGBTI inclusion, The International Journal of Human Rights, 24:4, 377-392, DOI: 10.1080/13642987.2019.1619551.
  7. Comisión de la Verdad (20.10.2020). Violencia sexual en el conflicto armado: el cuerpo como botín de guerra [Video]. YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=sK0o6EHgoY0 [Letzter Aufruf: 25.03.2021].
  8. Jelin, E. (2012). Los trabajos de la memoria. 2. edición. Lima: Instituto de Estudios Peruanos (Estudios sobre Memoria y Violencia, 1).
  9. González, J. (16.12.2020). Workshop ‘Mi cuerpo dice la Verdad’ im Rahmen des Seminars “Memoria Histórica en Tiempos digitales” unter der Leitung von Anika Oettler. Promoviert zu Memory, Gender, and Intersectionality Approaches at the Colombian Comisión para el Esclarecimiento de la Verdad, la Convivencia y la No Repetición (CEV).
  10. Comisión de la Verdad (18.03.2021). Contribución a la verdad y reconocimiento de responsabilidades – Rodrigo Londoño y Salvatore Mancuso [Video]. YouTube. https://youtu.be/h0iO5BccNa4 [Letzter Aufruf: 25.03.2021].
  11. Kemp, S. (11.02.2021). Digital 2021: Colombia. DATAREPORTAL: https://datareportal.com/reports/digital-2021-colombia [Letzter Aufruf 25.03.2021].
  12. Erb, S. (18.02.2019). Colombia is becoming an online country, but a digital divide still separates cities from the countryside. Deutsche Welle. https://p.dw.com/p/3DZKR [Letzter Aufruf: 25.03.2021].
  13. Kemp, S. (10.02.2021). Digital 2021: Germany. DATAREPORTAL. https://datareportal.com/reports/digital-2021-germany [Letzter Aufruf: 25.03.2021].
  14. Girelli, G. (2017). A Fight for Inclusion: The Transforming Role of Victims in Transitional Justice Processes. In Understanding Transitional Justice (pp. 9-41). Palgrave Macmillan, Cham.

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1 Anmerkung zu “Wahrheitsfindung in digitalen Zeiten

  1. Michel

    Hallo und vielen Dank für diesen tollen Beitrag!

    Die Wahrheitskommission in Kolumbien ist elementar für die Aufarbeitung der Schrecken, die die Menschen in Kolumbien ertragen mussten. Dabei sind die neuen Medien natürlich eine Chance. Und das beste Beispiel dafür ist eure Arbeit. Ein ganz interessanter Gedanke, sich mit dem Für und Wider einer „digitalen Aufarbeitung“ zu beschäftigen (vor allem bei der gegebenen Infrastruktur des Landes) und dem Thema auch in Deutschland Gehör zu verschaffen.

    Vielen ist das Land nur durch „Medellín“, „Narcos“ und „Escobar“ ein Begriff (so viel zum Thema ‚pornography of violence’^^). Vor allem in diesen Zeiten hört man in „den Medien“ (wundersame Verallgemeinerung) nichts weiter als Nachrichten über dieses böse C-Wort. Jedoch sind es auch solche Beiträge, die die Menschen aufklären und ich würde mir mehr solcher Informationen in den (sorry) „großen“ Medien wünschen. Dass Kolumbien nicht das Land der Korruption, des Drogenhandels und des Guerilla-Terrors ist, sondern auch das Land, in dem tatsächlich ganz normale Menschen leben (wie du, ihr und ich), die viel zu berichten haben, wobei eine Aufarbeitung der Vergangenheit unabdingbar ist.
    So wie es jedem klar zu sein scheint, dass Impfstoff XY einen Wirkungsgrad von 69,856% aufweist, so sollte man doch auch im Hinterkopf haben, für welche Welt diejenigen kämpfen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten. Egal ob in Kolumbien oder hier bei uns.

    Vielen Dank für die investigative Arbeit, die fundierten Quellen und das spannende Thema! Gerne klicke ich mich weiter durch eure Seite. Habt eine schöne Zeit, bleibt gesund und weiter so!

    Viele Grüße aus dem sonnigen Trier
    Michel

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