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Kunst- und Kulturszene: „The Show Must Go On“

 

Kunst- und Kulturszene
– „The Show Must Go On“

Welche Alltagserfahrungen machen Künstler*innen und Kulturschaffende seit dem Ausbruch von Covid-19? In drei Podcasts mit Stimmen aus verschiedenen Kontinenten
möchten wir persönliche Eindrücke sammeln und der Frage nachgehen, wie es um die Zukunft der Kunst- und Kulturszene steht.

01.03.2021

Translation

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Kreativität, Kunst, Kultur – das alles verbindet Menschen; und es findet häufig dort statt, wo viele Menschen aufeinandertreffen. Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass genau diese Branche durch die Corona-Pandemie besonders betroffen ist. „Social Distancing“, wie in großen Teilen der Welt eingeführt, scheint hier nur schwer möglich.

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Millionen Jobs in der Kunst- und Kulturszene kämpfen ums Überleben

UNESCO-Generaldirektorin Audrey Azoulay1

Viele Menschen aus diesem Sektor haben durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ihre Jobs verloren. So sahen sich beispielsweise ein Drittel aller weltweiten Kunstgalerien gezwungen, mindestens die Hälfte ihres Personals abzubauen.1 Auch die Live-Musik-Szene kam förmlich über Nacht zum Erliegen. Dadurch haben viele Musiker*innen ihre primäre Einkommensquelle und ihre Lebensgrundlage verloren.2

In vielen Bereichen der Kunst- und Kulturszene wird jedoch versucht, mit kreativen Ideen und neuen Konzepten den Schwierigkeiten der Pandemie zu begegnen: Livestream Theater, virtuelle Ausstellungen, Online-Konzerte – dies sind nur einige der Formate und Innovationen in Kunst und Kultur, die durch die Pandemie hervorgebracht wurden3 (siehe hierzu auch unseren Blogartikel „Die Kraft des Ausdruckstanzes“). Dennoch bleibt die Situation für einen Großteil der in diesem Sektor Beschäftigten prekär.

3 Künstlerinnen, 3 Länder, 3 Kontinente

Vor dem Hintergrund dieser Herausforderungen haben wir drei Stimmen von Künstlerinnen und Kulturschaffenden aus Großbritannien, Mexiko und den USA gesammelt (in englischer Sprache), um ihre individuellen Alltagserfahrungen und persönlichen Eindrücke aus der Szene einzufangen. Spannende Fragen sind hier zum Beispiel, welche Rolle Kunst und Kultur in Pandemiezeiten spielt, wie sich die Arbeit über die Corona-Zeit hinweg verändert hat und in welche Zukunft die Branche blickt.

Beth, Großbritannien

In deutscher Übersetzung:

Beth:

Hi, mein Name ist Beth und ich lebe in Buckinghamshire, direkt an der Grenze zu London in Großbritannien. Ich würde mich als Künstlerin und Kreative bezeichnen. Tagsüber arbeite ich als Junior-Grafikdesignerin in einer Designagentur, die in der Verlagsbranche tätig ist. 2018 habe ich mein Studium an der York St John University mit einem Abschluss in Grafikdesign abgeschlossen. Viele meiner Freund*innen sind ebenfalls Kreative in unterschiedlichen Bereichen, von Schauspielerei über Fotografie bis hin zu Mode.

In meiner Freizeit male und zeichne ich gerne und ich mache gelegentlich freiberufliche Projekte. Meine Freund*innen sind eine tolle Quelle der kreativen Inspiration für mich. Wir arbeiten alle in ganz unterschiedlichen Bereichen, unterstützen uns aber gegenseitig, indem wir zu Veranstaltungen oder Ausstellungen gehen oder wohin es uns in letzter Zeit auch immer treibt.

The Yelling 20s:
Wenn wir über verschiedene Arten von Kreativität, Kunst und Kultur sprechen: Kannst du uns einen Einblick in deinen Alltag vor und auch während Covid-19 geben? Gab es für dich Veränderungen?

Beth:
Mein Alltag ist von der Pandemie nicht allzu sehr betroffen. Ich konnte weiter von zu Hause aus arbeiten und daher meinen Job behalten, wofür ich sehr dankbar bin. Aber die lustigen, kreativen Dinge, die ich außerhalb der Arbeit gemacht habe, wurden am stärksten beeinträchtigt – alle Galerien sind geschlossen, Restaurants sind gesperrt, die meisten Projekte wurden auf Eis gelegt. Viele der Beschränkungen, die in Großbritannien eingeführt wurden, haben die soziale Seite unseres Lebens beeinflusst. Unter den gegebenen Umständen ist es natürlich die richtige Entscheidung, um die Ausbreitung zu stoppen und Leben zu retten. Hoffentlich beginnen sich die Dinge aber in den kommenden Monaten zu wenden.

The Yelling 20s:
Du hast uns gerade ein wenig darüber erzählt, wie die Beschränkungen das Privatleben in Großbritannien beeinträchtigen. Welche Bedeutung hat deiner Meinung nach Kreativität, Kunst und Kultur während der Pandemie in Großbritannien – für dich, dein Umfeld und die britische Gesellschaft im Allgemeinen?

Beth:
Ich würde sagen, dass Kunst und Kultur die kleinen Freuden in unserem Leben sind. Würde man jemanden auffordern, einen nationalen Lockdown während der Pandemie ohne Fernsehen, Musik, Filme oder Podcasts zu durchlaufen, dann wird klar, dass das Leben sehr schnell langweilig wird. Mir persönlich hat die Pandemie ermöglicht zu entschleunigen und mehr Zeit mit Zeichnen, Malen und Kreieren zu verbringen. Ich versuche, das als den Silberstreif am Horizont zu sehen, selbst in den schlimmsten Zeiten. Ich denke, das mehrheitliche Gefühl in Großbritannien – und wahrscheinlich in vielen anderen Ländern – ist, dass das Leben nicht früh genug wieder beginnen kann. Mit dem Impfprogramm und dem Licht am Ende des Tunnels blicken viele Menschen positiv in die Zukunft. Bald werden wir wieder in der Lage sein, Menschen persönlich zu treffen, verschiedenste Erfahrungen zu machen und das Leben ein bisschen mehr auszukosten.

The Yelling 20s:
Vor einigen Wochen wurde in Großbritannien eine Virusmutation von Covid-19 nachgewiesen. Spürst du einen Unterschied zu der Situation vor und nach dieser Entdeckung?

Beth:
Die Virusmutation bedeutete, dass viel mehr Menschen schnell infiziert wurden. Ich denke, die Einstellung der Menschen hat sich geändert; sie sind vorsichtiger und besorgter geworden. Vor der Mutation haben die meisten Leute die Situation zwar ernst genommen, aber ich glaube, einige sind selbstgefällig geworden, da wir zu diesem Zeitpunkt bereits acht Monate mit der Pandemie gelebt haben. In Großbritannien war die Kunst- und Kulturszene von März bis zum Sommer so gut wie stillgelegt. Es gab ein paar Wochen im August und im September, in denen einige Einrichtungen geöffnet waren, wie Freiluftkinos und Freilufttheater oder andere Dinge, aber dann hatten wir einen weiteren nationalen Lockdown im November und erneut einen im Januar. Es war also ein ziemliches Auf und Ab!

The Yelling 20s:
Wie würdest du als digitale Künstlerin die Rolle digitaler Medien in anderen Kunst- und Kultursparten einschätzen, die bisher weniger digital waren, wie beispielsweise Theater oder Opernhäuser? Haben sich deiner Meinung nach einige mit unserem Thema verknüpfte Branchen in Zeiten von Covid-19 weiterentwickelt?

Beth:
Trotz der Beschränkungen und Limitierungen, die die Pandemie mit sich gebracht hat, habe ich viele kreative Vorreiter gesehen, die neue Wege gefunden haben, um zu überleben. Kinos in Großbritannien haben Shows online gestreamt oder ihre Inhalte zur Verfügung gestellt. Fleabag, eine beliebte Fernsehserie in Großbritannien, die von Phoebe Waller-Bridge geschrieben wird, hat eine verfilmte Theaterproduktion herausgebracht, auf die man online zugreifen konnte. Der gesamte Erlös daraus ging an Wohltätigkeitsorganisationen, die den von der Pandemie betroffenen Gemeinden helfen. Es gab schillernde Beispiele wie dieses, bei denen während des Lockdowns etwas Gutes getan wurde. Außerdem war es, trotz allem, was in der Welt vor sich ging, einfach eine Möglichkeit, weiterhin Zugang zu Kunst und Kultur zu haben. Ich habe während der Pandemie außerdem wahrgenommen, dass mehr Unterstützung für lokales Einkaufen entstanden ist und bei kleineren Unternehmen gekauft wird. Darüber hinaus war Instagram eine wirklich gute Ressource, um Kreative zu entdecken und zu unterstützen.

The Yelling 20s:
Kommen wir zur letzten Frage und deiner Zukunftsperspektive: Du hast bereits gesagt, dass die Menschen durch das Impfprogramm positiv in die Zukunft blicken und es kaum erwarten können, dass das soziale Leben wieder beginnt. Lass uns gemeinsam einen Blick in die Kristallkugel wagen: Wie stellst du dir die Zukunft der Kreativ-, Kunst- und Kulturszene nach dem potentiellen Ende von Covid-19 in Großbritannien vor?

Beth:
Ach ja, das Ende von Covid-19, hoffentlich ist es bald – zum Wohle aller! Ich glaube allerdings, dass der Anfang schwierig sein wird. Ich denke nicht, dass die Wirtschaft in Großbritannien sehr gut dastehen wird und vermutlich werden viele Menschen immer noch arbeitslos sein. Ich schätze, es wird eine harte Zeit für viele Menschen. Aber ich hoffe auch, dass der Wiederanfang viel Freude in das Leben aller Menschen bringt, weil es endlich vorbei sein wird. Ich hoffe, dass die Menschen endlich wieder inspiriert werden, gemeinsam etwas Großartiges zu schaffen. Ich hoffe auch, dass die Depression und die Einschränkung, welche Pandemien herbeiführen, Menschen dazu bringen, sich an ihrer Freiheit und Gesundheit zu erfreuen. In Bezug auf Kunst und Kultur hoffe ich, bald wieder einige Ausstellungen persönlich besuchen zu können, andere Dinge mit anderen Menschen zu kreieren und wieder zusammenzuarbeiten. Das würde wirklich Spaß machen nach einem, was ich mir nur für die meisten Leute vorstellen kann, schwierigen letzten Jahr.

Das Interview wurde am 05.02.2021 geführt.

Ana Luisa, Mexiko

In deutscher Übersetzung:

Ana Luisa:
Hallo, mein Name ist AnaLu Soto. Ich lebe in Guadalajara in Mexiko. Ich habe eigentlich mehrere Jobs, die ich kurz beschreiben werde: Der erste, mit dem ich mein Geld verdiene, ist die Arbeit als Studiomanagerin in einer Werkstatt für handgefertigte Rahmen. Die Werkstatt macht hauptsächlich professionelle Einrahmungen, vor allem für Künstler*innen, Kunstsammler*innen und Galerien. Hier bin ich für die Verwaltung und Logistik zuständig. 

Es ist kein besonders kreativer Job für mich, aber er bringt mich näher an die zeitgenössische Kunstszene in meiner Stadt. In meinem zweiten Job arbeite ich als Lehrerin in einem kulturellen Staatsgebäude – wenn ich das aus dem Spanischen übersetze –, aber es ist eine öffentliche Hochschule, die sich auf Kunst konzentriert, hauptsächlich auf Kunstkritik, wo ich Image Theory und Kulturanthropologie unterrichte. Ich würde das als einen intellektuellen Job beschreiben, bei dem ich die Möglichkeit habe, mit Leuten über Kunst zu sprechen, die ebenfalls Kunst lieben. Mein dritter Job bezieht sich auf ein neues Projekt namens Proyecto colmenar (@proyecto.colmenar), das ich letztes Jahr begonnen habe. Ich würde es als ein Fotografieprojekt beschreiben, das sich hauptsächlich auf kreative Menschen, Künstler*innen oder Unternehmer*innen konzentriert, die fotografische Unterstützung brauchen, um ihre Marken oder ihre Bilder im Internet, auf Instagram oder Ähnlichem zu präsentieren. Wir entwickeln Workshops, in denen wir ihnen beibringen, wie sie selbst fotografieren und die Qualität ihrer Bilder verbessern können. Als Künstlerin, mein unbezahlter Job, beschäftige ich mich hauptsächlich mit Fotografie. Aber ich war im letzten Jahr auch an anderen kreativen Projekten mit der Plattform Save the Artist als Performerin beteiligt und ich experimentiere in letzter Zeit mehr mit Textilien in meiner fotografischen Arbeit. Ich habe einen Bachelor-Abschluss in Bildender Kunst und habe an verschiedenen Universitäten studiert: den ersten Teil in meiner Heimatstadt Guadalajara, den zweiten in Pachuca, Hidalgo, und ich habe ein Auslandssemester im sonnigen Potsdam in New York verbracht, um Fotografie zu studieren – in 2017, wenn ich mich recht erinnere.

The Yelling 20s:
Wie hat sich deine Arbeit als Künstlerin im Hinblick auf den Verlauf von Covid-19 in Mexiko verändert?

Ana Luisa:
Nun, zum Glück konnte ich meine Jobs behalten, nur der Unterrichtsteil wechselte zu Online-Kursen. Es war auch hilfreich, etwas mehr Zeit zu haben, um mich mit alten Arbeiten zu beschäftigen, die in meinem persönlichen Archiv auf mich gewartet hatten. Ich hatte Zeit, einige meiner Arbeiten auf Instagram hochzuladen und auch ein neues Künstlerprofil (@analum_soto) zu eröffnen. Aber der zwischenzeitliche Lockdown fühlt sich für uns alle stressig an und er hat sich auch auf meine Arbeitszeiten ausgewirkt: An manchen Tagen ertappe ich mich dabei, wie ich sehr viel arbeite, und an anderen Tagen komme ich nicht aus dem Bett. Ich habe das Gefühl, dass es mich psychisch am meisten mitgenommen hat. Ich vermisse meine Freund*innen, ich vermisse meine Kurse und die Inspiration durch die Kunstausstellungen, die nicht mehr stattfinden.

The Yelling 20s:
Du hast gesagt, dass Covid-19 dich besonders mental getroffen hat. Hat es dir persönlich geholfen, während der Pandemie künstlerisch aktiv zu sein?

Ana Luisa:
Ja! Es war wirklich hilfreich, alte Arbeiten nochmal durchzusehen. Das hält mich irgendwie geistig auf Reisen. Und ich entwickele auch neue Projekte, plane voraus. Es gibt mir Hoffnung für die Zukunft und hilft mir auch, die Richtung zu überdenken, die ich mit meiner Arbeit einschlagen möchte.

The Yelling 20s:
Du bist sehr vertraut mit der lokalen Kunst- und Kulturszene. Was würdest du sagen, wie wichtig ist es für die Menschen in deiner Stadt, trotz der Pandemie Kunst und Kultur zu erleben?

Ana Luisa:
Um ein wenig Kontext zu geben: In meiner Stadt waren alle öffentlichen und kulturellen Aktivitäten geschlossen. Ich spreche von Museen, Kinos, Galerien, Konzerten, Ausstellungen, Theatern, usw. Letztes Jahr im April, als hier alles anfing, waren wir für ein paar Monate im Lockdown. Einige Aktivitäten waren erlaubt, aber da viele Arbeitsplätze informell sind, sind die Leute darauf angewiesen, das Haus zu verlassen, um arbeiten zu können. Es war also einige Monate offen und einige Monate waren wir im Lockdown – abhängig von der Anzahl der aktiven Covid-19-Fälle. Vor kurzem haben viele Aktivitäten wieder hybrid begonnen, also ein bisschen Präsenz, ein bisschen online; aber nicht alles kann online stattfinden, weil viele Mexikaner*innen nicht einmal einen Computer haben. Es war also eine Art Kampf. Wir haben eine starke Kulturszene, die gezwungen war, auf andere Plattformen auszuweichen, um weiterzuarbeiten. Es gab das ganze Jahr über einige internationale Veranstaltungen, die von den Leuten sehr gut aufgenommen wurden. Kunstausstellungen und die Musikszene waren am aktivsten im Kunstsektor, denke ich. Alle haben im Moment mit Ungewissheiten zu kämpfen, vor allem, weil viele Menschen ihre Möglichkeiten zu leben und Geld zu verdienen, verloren haben; und natürlich die Erfahrung, vor Publikum aufzutreten, weil jetzt alles online sein muss – die Erfahrung ist wirklich anders.

The Yelling 20s:
Wie erwartest du – da die meisten Aktivitäten auf Online-Plattformen verlagert sind –, dass sich die physische Kunst- & Kulturszene nach dem hoffentlich sehr baldigen Ende von Covid-19 entfalten wird? Glaubst du, sie wird leicht wieder aufleben, nachdem so viele Menschen so lange ohne sie auskommen mussten, oder wird es für den Sektor schwieriger sein, wieder zu glänzen?

Ana Luisa:
Nun, wir können sagen, dass die Kunst- und Kulturszene hier geteilt ist: Auf der einen Seite haben wir die zeitgenössische Kunst und auf der anderen Seite die öffentliche Kulturszene. Ich denke, der zweite Teil dieses Sektors – die öffentliche Kulturszene – wird mehr betroffen sein. Da zeitgenössische Kunst ein wohlhabenderer Sektor ist, denke ich, dass er sich leichter erholen wird, weil er noch immer über das Internet aktiv ist und für einen privaten Sektor produziert und an diesen verkauft. Der andere Sektor, der kulturelle und öffentliche, der vom Staat finanziert wird, wird eine Menge Kunstschaffende verlieren. Da viele in andere Berufe abgewandert sind, in denen sie Unterstützung und finanzielle Sicherheit finden können, wird ihre Erholung mehr Zeit benötigen. Denn die Krise wirkt sich unterschiedlich aus, je nachdem, wo man sich im Produktionssektor befindet. Zum Beispiel ist es für Musiker*innen, die auf Hochzeiten spielen, nicht dasselbe wie für diejenigen, die auf Musikkonzerten spielen. Die Position, in der man sich befindet, ist eine Verantwortung für den Sektor, aber einige Leute sehen das nicht und leider machen sich die öffentlichen Geldgeber*innen keine Gedanken um die Kulturszene. Ich vermute, die Kunst- und Kulturszene wird wieder aufstehen, mit der Kraft zu wissen, wie wichtig diese Szene für uns ist, aber es wird Zeit brauchen, bis sie ihren Platz zurückgewinnt. Etwas Gutes, das diese Krise gebracht hat, ist die Erkenntnis, wie wichtig Kultur und Kreativität für die psychische Gesundheit sind. Ich denke also, dass das Publikum wachsen wird, sobald es die Möglichkeit hat, ein kulturelles Angebot zu nutzen und wieder eine kulturelle Show zu besuchen – zumindest hoffe ich das.

Das Interview wurde am 14.02.2021 geführt.

Lyra, USA

In deutscher Übersetzung:

Lyra:
Hallo, hallo, mein Name ist Lyra. Ich komme aus den Vereinigten Staaten von Amerika, aus dem Staat New York. Ich lebe in Westchester County, nur eine halbe Stunde entfernt von New York City. Im Jahr 2017 habe ich meinen Bachelor-Abschluss in Musik an der State University of New York in Potsdam gemacht.

Derzeit arbeite ich als Rezeptionistin an einer Musikschule. Ich selbst unterrichte auch als Musikdirektorin für Kinder und als Erzieherin in einer örtlichen unitarisch-universalistischen Kirche in meinem Wohnort New York, ebenfalls in Westchester. Neben meiner Lehrtätigkeit und meiner Arbeit spiele ich Kammermusik. Ich spiele Geige und falls ich gebraucht werde auch Bratsche. Vor der Pandemie habe ich mindestens einmal im Monat als Noten-Umblätterin gearbeitet. Jetzt, wo wir inmitten der Pandemie sind, gibt es diese Möglichkeiten nicht mehr. Aber ich arbeite und unterrichte noch immer. Mein Unterricht verläuft komplett online, für meinen Job als Rezeptionistin bin ich allerdings vor Ort.

The Yellings 20s:
Du bist sehr involviert in die Musikwelt und hast bereits als professionelle Musikerin in verschiedenen Ensembles in New York gespielt. Wie hat sich die Zusammenarbeit während Covid-19 verändert?

Lyra:
Vor der Pandemie habe ich unheimlich viel Kammermusik gemacht. Tatsächlich habe ich kurz vor Beginn des Lockdowns in zwei verschiedenen Trios gespielt, in denen ich als Teil meiner Arbeit ausgeholfen habe. Sie hatten gerade erst begonnen, als die Pandemie in den USA um sich griff und der Lockdown begann. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich in zwei Gruppen in der Stadt als Teil des Kammermusikprogramms gespielt, bei dem ich aushelfe, sowohl auf der Violine als auch auf der Bratsche. Das wurde natürlich über Bord geworfen, als der Lockdown begann; und normalerweise haben sie auch ein Sommerprogramm, das sich aber ebenfalls erledigt hatte. Also haben sie eigentlich erst zum Herbstsemester zu spielen begonnen. Es stand zur Wahl entweder persönlich zu einigen der Gruppen zu gehen, natürlich mit dem entsprechenden Abstand, oder es vollständig online durchzuführen. Der Grund dafür, dass dies die beiden Optionen waren, ist, dass ein Großteil der Teilnehmer*innen zu Risikogruppen zählen, weshalb ihr Risiko, Covid-19 zu bekommen, erhöht ist. Bezüglich der allgemeinen demografischen Struktur des Kammermusik-Programms sind die meisten Teilnehmer*innen 65 Jahre und älter. Und obwohl ich die Jüngste bin, bin ich sicherlich genauso gefährdet, Covid-19 zu bekommen oder es unwissentlich auf andere Menschen zu übertragen. Um ehrlich zu sein, hatte ich letzten November tatsächlich Covid-19. Zu diesem Zeitpunkt habe ich in zwei Gruppen in Persona gespielt, was sicherlich die Perspektive auf die Gefahr der Situation für einige Leute verändert hat, insbesondere mit Blick auf die Tatsache, dass die jüngste Person aus dem Programm Covid-19 bekommen hat, weshalb sich niemand völlig sicher davor fühlen kann. Eine Sache ist aber gewiss: Ich werde vermutlich erst im kommenden Herbst wieder einen meiner bezahlten Gigs bekommen – und das ist der früheste Zeitpunkt!

The Yellings 20s:
Wie würdest du die Situation der Kunst-, Kultur- und Musikszene in den USA im Zuge der Pandemie beschreiben? Sind viele Künstler*innen betroffen oder haben einige sogar eine Art Resilienz aufbauen können?

Lyra:
Ich habe Freund*innen, die die Musikwelt verlassen haben, und ich bin auch Teil einer Gruppe auf Facebook, in der viele freiberufliche Musiker*innen sind. Es ist eine öffentliche Gruppe, der, glaube ich, jede*r beitreten kann. Viele von ihnen, mich eingeschlossen, mussten Arbeitslosengeld beantragen. Das war, wie wir alle am eigenen Leibe erfahren mussten, äußerst kompliziert. Besonders für diejenigen, die freiberuflich tätig sind, habe ich bemerkt, dass sie Schwierigkeiten hatten, die Einzelheiten und Besonderheiten für die Anmeldung zur Arbeitslosenversicherung herauszufinden und wenn man versucht hat, die Behörden deswegen zu kontaktieren, erhielt man nicht viel Auskunft. Viele Mitglieder*innen dieser Facebook-Gruppe mussten Jobs bei Amazon annehmen oder haben Englisch-Nachhilfe im Internet angeboten und haben somit einen Job gefunden, der rein gar nichts mit Musik zu tun hat. Und diejenigen, die geblieben sind, haben sich sicherlich die größte Mühe gegeben – einige haben versucht, ihre YouTube-Kanäle zum Laufen zu bringen oder sich zum ersten Mal daran probiert, einen YouTube-Kanal zu erstellen. Ich habe gesehen, dass es eine Menge Leute gibt, die sich gegenseitig helfen und ich denke, das sind großartige Neuigkeiten. Denn die Musikwelt ist eine sehr kleine Welt und das ist toll zu sehen. Aber für diejenigen, die sich entschlossen haben zu gehen, ist es traurig, denn sie waren eigentlich wirklich gute Musiker*innen, die – so haben viele von uns geglaubt – hätten bleiben können.

The Yelling 20s:
Du sagtest, dass die meisten Künstler*innen sehr unter den Umständen von Covid-19 gelitten haben. Aber du hast auch erwähnt, dass sich viele von ihnen gegenseitig helfen konnten. Würdest du also sagen, dass aus der Not der Pandemie heraus vielleicht sogar neue Konzepte entstanden sind, wie z. B. Online-Konzerte?

Lyra:
Ja, in der Tat hat das Philadelphia Orchestra gerade ein aufgezeichnetes Konzert zum Mond-Neujahrsfest veröffentlicht. Ich habe außerdem mehrere Kolleg*innen und Mentor*innen, die ihre eigenen voraufgezeichneten Konzerte veröffentlicht haben. Ich selbst war Teil eines Auftritts für die Musikschule, die ich als Studentin besucht habe; jedes Jahr gibt es dort ein Alumni-Konzert. Als Alumna habe ich daher ein Stück für das Konzert eingereicht und musste es ebenfalls voraufnehmen. Ich bin mir sicher, dass vielen Menschen nicht bewusst ist, wie viel Aufwand die Bearbeitung ist: Ton und Video auf einmal, das kann sehr schwierig werden und das Schneiden eines Videos erfordert unheimlich viel Zeit.

The Yelling 20s:
Okay, lass uns ein bisschen in die Politik eintauchen: Wie erwartest du, wird die Pandemie in den USA in Zukunft fortschreiten? Was wird sich ändern, seit Biden offiziell das Amt des Präsidenten übernommen hat? Er hat angekündigt, härtere Maßnahmen für die Bekämpfung der Pandemie zu ergreifen. Wie wird sich sein Umgang mit Covid-19 auf das Leben in den USA auswirken, auch unter Berücksichtigung der Kunst- und Kulturszene?

Lyra:
Nun, viele von uns sind voller Hoffnung, was Präsident Biden anbelangt, jetzt, wo wir jemanden haben, der die Wissenschaft und die Legitimität der Wissenschaft sehr respektiert, sich darum kümmert und erkennt, wie wichtig sie für die öffentliche Gesundheit ist. Wenn man im Orchester spielt, wie zum Beispiel in der Metropolitan Opera, dann ist man extrem nah beieinander, weil nur eine begrenzte Menge an Platz verfügbar ist und es schwerfällt, den Abstand zueinander zu wahren. Ich hoffe, dass die Politiker*innen das verstehen – inwieweit, weiß ich nicht, aber hoffentlich kommt etwas dabei heraus. Und jetzt, wo die Impfstoffe zur Verfügung stehen, sind alle sehr erwartungsvoll, was diese Impfstoffe bringen werden. Diejenigen, die besonders gespannt sind, sind die Konzertbesucher*innen, also diejenigen, auf die Musiker*innen angewiesen sind. Zu jedem klassischen Konzert zu dem ich gehe, sind sicherlich die meisten der Konzertbesucher*innen 65 Jahre und älter, weshalb sie als Risikogruppen eingestuft werden. Das sind die Leute, die gerne zu Konzerten gehen und viele von ihnen vermissen es. Insgesamt sind wir aber sehr hoffnungsvoll und wir werden optimistisch bleiben, was die Zukunft betrifft und ich denke für uns alle ist es eine Frage des „wir werden sehen“.

The Yelling 20s:
Eine letzte Frage: Wie würdest du die folgende recht provokante Aussage in Bezug auf die USA bewerten: „Kunst & Kultur – too big to fail?“

Lyra:
Ich glaube, dass die Kunstszene als Ganzes, die gesamte Musikszene, sicherlich überleben wird. Es wird definitiv eine Weile dauern, bis sie wieder das ist, was sie vor der Pandemie war – das ist sicher. Es gibt aber den bekannten Spruch „the show must go on“, ob online oder persönlich oder was auch immer, aber die Show muss weitergehen und die Show wird weitergehen!

Das Interview wurde am 13.02.2021 geführt.

Fazit

Die Erfahrungen unserer drei Interviewpartnerinnen haben gezeigt, wie unterschiedlich die Krise den Kunst- und Kultursektor und die Menschen, die in diesem tätig sind, getroffen hat. Es sollte jedoch angemerkt werden, dass die Eindrücke keineswegs für bestimmte Regionen oder Berufsgruppen generalisiert werden können – diese Stimmen ermöglichen dennoch einen exemplarischen Einblick in die komplexe Situation, der sich die Szene gegenübersieht.

Fest steht jedoch, dass Kunst und Kultur unser aller Leben bereichern und in vielen Bereichen kreative Wege gefunden wurden, um trotz der Hygienemaßnahmen und des Lockdowns, welcher in vielen Regionen der Welt das öffentliche Leben zeitweise lahmgelegt hat, weiterhin Kultur zu ermöglichen. Einleuchtend erscheint hier, dass auch wir als Kunst- und Kultur-„Konsument*innen“ gefragt sind: Theaterbesucher*innen, Konzertpublikum, Besucher*innen von Ausstellungen, Kinos, Galerien und Veranstaltungen – um nur ein paar Beispiele zu nennen – können die Branche im Prozess der Erholung mit Loyalität und Beistand unterstützen.4 Der Kunst- und Kultursektor erlebt momentan eine schwierige Zeit und wird sicherlich auch noch in nächster Zukunft weiterhin zu kämpfen haben, sich an mancher Stelle womöglich sogar dauerhaft wandeln – doch „the show must go on“!

Quellen

  1. UN News (22.12.2020). “Culture in crisis: Arts fighting to survive COVID-19 impact”. Abgerufen unter: https://news.un.org/en/story/2020/12/1080572 (Zuletzt besucht: 28.02.2021).
  2. Lee, D., Baker, W., Haywood, N. (25.05.2020). “Coronavirus, the cultural catalyst.” Working in Music. Abgerufen unter: https://wim.hypotheses.org/1302 (Zuletzt besucht: 28.02.2021).
  3. Deutsche Welle (29.12.2020). “How the coronavirus crisis inspired the cultural scene”. Abgerufen unter: https://www.dw.com/en/how-the-coronavirus-crisis-inspired-the-cultural-scene/a-55969788 (Zuletzt besucht: 28.02.2021).
  4. Radermecker, AS. V. (2020). Art and culture in the COVID-19 era: for a consumer-oriented approach. In: SN Bus Econ 1 (1), S. 1-14.

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