Ulaanbaatar City Square

„Covid-19: eine lebenslange Lektion“

02.08.2020

„Covid-19: eine lebenslange Lektion“

Anujin Undrakh und Khongoroo teilen ihre Eindrücke zum Verlauf der
Covid-19 Pandemie in der Mongolei.

02.08.2020

Mongolei

Hauptstadt: Ulaanbaatar
Sprachen: Neben der Amtssprache, Mongolisch, welche von ca. 90% der Bevölkerung gesprochen wird, werden u.a. Kasachisch und Kalmückisch in der Mongolei gesprochen.
Einwohnerzahl: ca. 3,1 Millionen


Schon gewusst?

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Die Mongolei verzeichnete im März 2020 ihre erste Ansteckung mit Covid-19. Mittlerweile sind 291 Covid-19-Fälle bekannt, davon fast alle „importiert“. Bisher sind keine Toten zu beklagen.1 Es scheint, dass ein größerer Ausbruch erst einmal verhindert werden konnte. Wir hatten die Möglichkeit uns mit Anujin Undrakh und Khongoroo über die aktuelle Situation in der Mongolei auszutauschen. Anujin Undrakh arbeitet als Kiefer- und Gesichtschirurgin im ersten nationalen Zentralkrankenhaus in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar. Auch Khongoroo kommt aus Ulaanbaatar und studiert derzeit Nanotechnologie an der Leibniz Universität Hannover. Wir haben mit Ihnen über den mongolischen Alltag während der Covid-19-Pandemie gesprochen. 

Interview mit Anujin Undrakh und Khongoroo

Wie waren mongolische Krankenhäuser auf die Pandemie vorbereitet? Gab es Engpässe? Wenn ja, wie konnten diese behoben werden?

Anujin Undrakh: Die Krankenhäuser waren bereit für alles. Wir hatten keine Engpässe. Die Regierung beschloss jedoch, in kürzester Zeit ein neues Krankenhaus zu errichten, falls Covid-19 das Land erreichen sollte. Und in jedem Krankenhaus waren mindestens 400 Betten nur für Coronavirus-Patient*innen vorbereitet. Wir haben zunächst keine Hilfe aus anderen Ländern bekommen. Aber nachdem unser Präsident China besuchte und 30.000 Schafe geschenkt hatte, um nicht die Hoffnung zu verlieren, schenkte uns China medizinische Geräte, um Coronavirus-Patient*innen zu versorgen.

KhongorooDas mongolische Gesundheitssystem war sehr schlecht auf eine globale Pandemie vorbereitet. Es gab sogar unter normalen Umständen, wenn sich eine lokale Grippewelle ausbreitet, nicht genug Krankenbetten in den Krankenhäusern. Es war unvorstellbar, wie es überhaupt aussehen würde, wenn sich eine Pandemie ausgebreitet hätte. Darum wurde sofort ab dem 27. Januar 2020 die Grenze zu China, danach die Grenze zu Russland und nach und nach komplett die Grenzen geschlossen. Und dies sogar für die Mongol*innen, die aus dem Ausland in die Heimat fliegen wollten. Es gab einige Hilfspakete aus den USA und anderen Ländern.

Spendentradition

Spendentradition

In der Mongolei gibt es die Tradition in Notsituationen großzügige Spenden zu vollbringen. Im Kontext von Covid-19 kündigte der mongolische Staatspräsident im Februar an, China 30.000 Schafe zu spenden.

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Außenbeziehungen

Außenbeziehungen

Durch Covid-19 sind mongolische Rohstoffexporte nach China teilweise eingestellt worden. Eine schwierige wirtschaftliche Lage zeichnet sich ab. Dem zugrunde liegt eine „tieferliegende strukturelle Abhängigkeit der mongolischen Wirtschaft vom 'ewigen Nachbarn' “ (KAS 04.05.2020).

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Hat sich durch die Pandemie euer Alltag verändert? Anujin, wie hat sich speziell dein Alltag als Chirurgin im Krankenhaus verändert? Khongoroo, hat sich der Alltag deiner Familie und Freund*innen in der Mongolei verändert?

Anujin Undrakh: Nein, überhaupt nicht. Mein Alltag im Krankenhaus ist immer noch der gleiche. Die Patient*innen kommen immer noch zur Behandlung, als wäre nichts passiert. Es hat sich also nichts geändert. Im Allgemeinen wurden Überlandstraßen und öffentlichen Verkehrsmittel vorübergehend zur Umsetzung der Quarantäne gesperrt. Alle Feiertage im März (Internationaler Frauentag, Vatertag sowie das kasachische Frühlingsfest Nauryz) wurden weit vorausschauend abgesagt. Bildungseinrichtungen wurden schon Ende Januar geschlossen, und sogleich begann mit multimedial verfügbarem Material der Fernunterricht. Lehrende und Forschende identifizierten interessante Aspekte, welche sich zu bemerkenswert konstruktiven Strategien in dieser Krise entwickelten.

Khongoroo: Ab Ende Januar wurden zunächst die Schulen, Kitas und ab Februar Universitäten und Clubs, Bars und einige öffentliche Dienste geschlossen. Meine zwei kleinen Geschwister (5 und 14 Jahre alt) bleiben seit Ende Januar zu Hause. Meine 14-jährige Schwester hat daher online Unterricht für alle Fächer bekommen (in der Mongolei sind die Schulferien von Juni bis September). Vor allem der Alltag der Kinder hat sich stark verändert, da sie für mehrere Monate nicht zur Schule gehen und sich nicht mit Freund*innen treffen durften. Für meine Eltern hat sich dagegen nicht so viel verändert. Da sie beide kein Homeoffice machen mussten, konnten sie normal zur Arbeit gehen.

paved square in Ulaanbaatar and several tower in the background in front of a grey, cloudy sky
© Erdenebayar / pixabay

Was ist eure Wahrnehmung, wie über die Regierung/Regierungspartei gesprochen wird? Zum Beispiel unter euren Kolleg*innen, Freund*innen oder in den sozialen Medien?

Anujin Undrakh: Ich denke, die Regierung hat gute Arbeit geleistet, alle Grenzen geschlossen und das Eindringen des Virus verhindert. Die Regierung hat eine gute Wahl getroffen und hat schnell gehandelt. Alle Leute, die ich kenne, glauben dasselbe. Und wir sind sehr dankbar.

Khongoroo: Es wurde gesagt, dass die Regierung – vor allem das Gesundheitsministerium – auf die Corona-Situation schnell reagiert und unter gegebenen Umständen gute Maßnahmen getroffen hat. Meiner Meinung nach war die Grenzen zu schließen eine sehr kurzfristige Entscheidung. Dadurch waren normale Bürger*innen und deren Geschäfte stark betroffen. Dies könnte eine Finanzkrise provozieren.

Was sind die dringendsten Themen, mit denen sich die Regierung während und nach Corona auseinandersetzen sollte? (z.B. Konjunkturpakete, Reformation des Gesundheitssektors/Schulsektors, …)

Anujin Undrakh: Seit der Schließung der Grenzen ist die Mongolei mit einer Wirtschaftskrise konfrontiert. Und die meisten Leute haben Geldprobleme. Ich denke also, dass sich die Regierung jetzt und danach darauf konzentrieren sollte.

Khongoroo: Die dringendsten Themen wären zum Beispiel die Wirtschaft und die Erlaubnis der Rückkehr von Tausenden von Mongol*innen aus dem Ausland zurück in ihre Heimat.

Regierungsmaßnahmen

Wie schätzt ihr den Umgang der Mongolei mit der Pandemie im internationalen Vergleich und zwischen den Regionen des Landes ein?

Anujin Undrakh: Im Moment scheint der Virus gut bekämpft worden zu sein. Ich denke, das liegt daran, dass die Regierung und alle Menschen (Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, medizinisches Personal, Straßenarbeiter*innen, Polizist*innen usw.) sehr hart daran gearbeitet haben und immer noch arbeiten. Personen und Patient*innen aus anderen Landkreisen werden weit entfernt von der Hauptstadt festgehalten. Sie können sich erst nach 21 Tagen Sonderquarantäne in Krankenhäusern und nach weiteren 14 Tagen zu Hause wieder frei bewegen.

Khongoroo: Im Vergleich zu Deutschland und Europa sind die Menschen in der Mongolei sehr angespannt. Ich merke selbst, dass hier in Deutschland wieder langsam Normalität zurückkehrt und die Menschen eine gewisse Angst vor Corona überwunden haben. Ich bin im Moment nicht in der Mongolei, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass die Leute immer noch sehr viel Angst vor Corona haben.

Der „Fall Null“

Der „Fall Null“

Ein einreisender Franzose wurde als erste Person mit Covid-19 identifiziert. Trotz mehrfacher Aufforderungen verletzte er seine Quarantäne-Pflicht & sorgte für große Aufruhr in den sozialen Medien.

Wie habt ihr die Entwicklung des „Fall Null“ in der Mongolei wahrgenommen?

Anujin Undrakh: Am 10. März verzeichnete die Mongolei ihren ersten bestätigten Fall von Covid-19 wegen eines französischen Staatsbürgers, der am 2. März aus Moskau angekommen war. Dank unserer Regierung war die Mongolei in der Lage, das Problem unter Kontrolle zu halten. Jeder handelte schnell und fürsorglich. Sie isolierten sein gesamtes Büro und das Pferd, auf dem er ritt. Sie haben den gesamten Bezirk unter Quarantäne gestellt und alle Züge, Autos und öffentliche Verkehrsmittel stillgelegt. Für über drei Monate waren die Bewohner*innen von der Mongolei in Aufruhr. Aber auch in schweren Zeiten blieben die Krankenhäuser und Doktor*innen bereit, tapfer und fleißig. Ich persönlich hatte zwar keine Angst, aber dennoch war die Situation sehr beunruhigend. Aber nun kehrt langsam wieder die Normalität zurück und die Bewohner*innen können wieder anfangen glücklich weiter zu leben.

Khongoroo: Der erste Fall hat die Leute erschüttert und einige sogar in Panik gesetzt. Aber zum Glück wurden danach keine Fälle mehr bekannt gegeben. Die Tests von den Leuten, die mit dem ersten Fall in Kontakt waren, waren alle negativ. Die zurzeit zunehmende Anzahl an bestätigten Fällen sind auf die Auslandsrückkehrer*innen zurückzuführen, die sofort für drei Wochen unter Quarantäne gesetzt werden.


Hat Corona auch Positives hervorgebracht?

Anujin Undrakh: Für die Mongolei hat sich nichts geändert. Es ist immer noch das Gleiche wie gewöhnlich. Aber ich denke, es hat die Welt verändert. Die Natur, die Umweltverschmutzung und vor allem eine lebenslange Lektion für alle. Ich denke, die Leute haben angefangen, das Leben anders zu sehen. Sie werden sich nach der Sperrung näherkommen, sie sind vorsichtiger geworden. Und vor allem sind wir erleichtert darüber, wie die Leute sich auf jeden Fall gegenseitig helfen können und wie hart jemand arbeiten kann. Und wie kostbar unser Leben und unsere Welt ist.

Khongoroo: Die letzte Frage würde ich eher mit Nein beantworten, wenn man nur die Lage in der Mongolei betrachtet. Die Leute achten jetzt aber mehr auf Hygiene und Sauberkeit als früher. Vielleicht kann man das als etwas Positives sehen.

Ausblick

Wie Anujin Undrakh und Khongoroo berichten hat die Mongolei bisher Covid-19 gut eindämmen können. Die beschriebenen Regierungsmaßnahmen haben sich als erfolgreich erwiesen und stoßen auf Anerkennung in der Bevölkerung. Jedoch beunruhigen Themen wie die sichtbar werdende finanzielle Krise die beiden Interviewten. Wir hoffen, dass die Mongolei dem Coronavirus weiterhin erfolgreich entgegenwirken kann und für die mit ihm verbundenen Problematiken kreative Strategien entwickeln kann.

Quellen

  1. John-Hopkins-Universität (2020). Abgerufen unter:  https://coronavirus.jhu.edu/region/mongolia. Zuletzt besucht am 28.07.2020.
  2. Stolpe & Erdene-Očir (2020). Abgerufen unter: https://www.uni-bonn.de/neues/die-mongolei-als-vorreiter-gegen-das-coronavirus. Zuletzt besucht am 30.07.2020.
  3. KAS (4.05.2020). Abgerufen unter: https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/corona-krise-in-der-mongolei. Zuletzt besucht am 28.07.2020.
  4. Deutsche Welle (2020). Abgerufen unter: https://www.dw.com/de/deutlicher-wahlsieg-der-mongolischen-regierungspartei/a-53934136. Zuletzt besucht am 30.07.2020.
  5. KAS (26.06.2020). Abgerufen unter: https://www.kas.de/de/web/mongolei/laenderberichte/detail/-/content/erdrutschsieg-fuer-die-mongolische-volkspartei. Zuletzt besucht am 30.07.2020.
  6. JPG (2020). Abgerufen unter: https://www.ipg-journal.de/regionen/asien/artikel/detail/das-gallische-dorf-der-demokratie-4461/. Zuletzt besucht am 28.07.2020.
  7. KAS (4.05.2020). Abgerufen unter: https://www.kas.de/de/laenderberichte/detail/-/content/corona-krise-in-der-mongolei. Zuletzt  besucht am 28.07.2020.
  8. CNews (2020). Abgerufen unter: https://www.cnews.fr/monde/2020-03-12/le-francais-porteur-du-coronavirus-en-mongolie-victime-de-menaces-935552. Zuletzt besucht am 30.07.2020.

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