„Wo die Wüste auf den Ozean trifft“

 
„Wo die Wüste
auf den Ozean trifft“

Ein Interview über die Konsequenzen der Covid-19 Pandemie für den Tourismus in Namibia

21.03.2021

Namibia

Hauptstadt: Windhoek 
Sprachen: Amtssprache ist Englisch, aber Namibia hat über 30 gesprochene Sprachen. Die meistgesprochenen sind Oshiwambo, Afrikaans, Otjiherero und Deutsch 
Einwohnerzahl: ca. 2,5 Millionen 

Schon gewusst?

Translation

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Namibia bekam seinen heutigen Namen 1990, als es die Unabhängigkeit von Südafrika erlangte, welches das Gebiet nach dem Ersten Weltkrieg übernommen hatte. Davor war Südwestafrika eine Kolonie Deutschlands. Die Geschichte des deutschen Kolonialismus in Namibia ist grausam: Zehntausende Herero und Nama wurden  zwischen 1904 und 1908 getötet. Deutschland beging damit den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.1

Die deutsche Regierung hat sich 2004 für den Völkermord entschuldigt. Namibia hat 2020 ein Entschädigungsangebot Deutschlands bei den Verhandlungen zur Aufarbeitung der Kolonialzeit abgelehnt. Das Angebot der Bundesregierung, zehn Millionen Euro als Wiedergutmachung zu zahlen, sei für Präsident Hage Geingob „nicht akzeptabel“.2
Allerdings wolle Deutschland nicht den Begriff „Reparationen“ benutzen. Stattdessen solle von „Heilung der Wunden“ gesprochen werden. Das namibische Verhandlungsteam hält diesen Begriff aber für unzureichend.3

Namibia ist ein atemberaubendes Land im südwestlichen Teil des afrikanischen Kontinents, welches normalerweise über 40.000 Tourist*innen pro Monat willkommen heißt. Aber zwischen September und Dezember 2020 empfing das Land nur etwa 6.700 Reisende. Es wird geschätzt, dass Namibias Tourismusindustrie durch COVID-19 etwa 3,2 Milliarden Namibia-Dollar (ca. 220 Millionen US-Dollar) aus reisebezogenen Dienstleistungen verloren hat, was für einen der Hauptträger der Wirtschaft des Landes verheerend ist.4

Wir haben mit Petrus Tuta Nangolo und Victory Nakalenga über die aktuelle Tourismus-Situation in Namibia gesprochen. Tuta ist Miteigentümer von Kamatjona – einem Unternehmen für Freiwilligenarbeit mit Sitz in Windhoek, welches Unterkünfte, Safaritouren und nachhaltige Freiwilligeneinsätze für junggebliebene Reisende anbietet. Victor ist Reiseveranstalter mit Sitz in Windhoek, der Touren und Safaris unter dem Namen Vision Tours and Safaris anbietet.

Interview mit Petrus Tuta Nangolo und Victory Nakalenga

Was macht Namibia deiner Meinung nach einzigartig?
Tuta: Namibia ist das am drittwenigsten dicht besiedelte Land der Welt. Hier ist die älteste Wüste der Welt zu finden; sie befindet sich dort, wo die Kalahari auf die Namib-Wüste trifft. Man kann stundenlang durch die Wüste fahren, ohne irgendeine Form von Leben zu sehen, aber man ist umgeben von einigen der höchsten Dünen der Welt und einem klaren blauen Himmel darüber. Man fühlt sich so klein, als ob man alleine auf der Welt wäre. Es ist ein Ort, an dem man von Allem wegkommt.

Victor: Namibia ist einzigartig wegen seiner vielfältigen Kulturen, der Natur, der Tierwelt und es hat eine der ältesten Wüsten der Welt und den zweitgrößten Canyon der Welt. Namibia ist auch eines der am dünnsten besiedelten Länder der Welt.

Welche Orte würdest du jemandem empfehlen, der Namibia besuchen möchte?
Tuta: Namibia ist ein kulturell sehr vielfältiges Land mit viel weitem, offenem Land und einer sich ständig verändernden Landschaft. Einige Orte, die man in Namibia besuchen sollte, sind:  

Victor: Ich würde allen, die nach Namibia reisen, empfehlen, Sossusvlei, den Fish River-Canyon wegen der herrlichen Landschaft und den Etosha-Nationalpark zu besuchen, da man hier eine vielfältige Tierwelt erleben kann.

Wie hat sich dein Leben durch die Covid-19-Pandemie verändert? 
Tuta: Die Tourismusbranche wurde wahrscheinlich am stärksten von Covid-19 getroffen. Vor Covid-19 waren unsere Unterkünfte mit internationalen Freiwilligen und Praktikant*innen voll belegt. Als Corona ausbrach wurde ihr geplanter dreimonatiger Aufenthalt abgekürzt, sie mussten sofort abreisen, weil jedes Land seine Grenzen schließen musste. Unsere Touren, die wir bereits geplant und bezahlt hatten, mussten abgesagt werden und Rückerstattungen mussten ebenfalls vorgenommen werden. Unser Geschäft war damals erst 4 Monate alt und als Vollzeitunternehmer war dies meine einzige Einnahmequelle. Seitdem ist es ein Albtraum.

Victor: Mein Leben wurde durch die Auswirkungen von Covid-19 negativ beeinflusst. Meine Einkommensquelle hat sich in den letzten 12 Monaten drastisch verringert, da die lokalen und internationalen Sperrungen bedeuteten, dass Reisen und Tourismus eingeschränkt werden.

Hast du irgendeine finanzielle oder andere Unterstützung von der Regierung erhalten?
Tuta: Wir haben keine finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten. Glücklicherweise habe ich gerade ein 4-monatiges Startup Programm abgeschlossen und dadurch Fördermittel für unser Unternehmen gewonnen.

Victor: Nein, ich habe keine finanzielle Unterstützung von der Regierung erhalten.

Wie beurteilst du den Umgang der Regierung mit der Pandemie? Respektieren die Menschen die Einschränkungen?
Tuta: Ich glaube, die Regierung hat ihr Bestes getan, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Während der ersten Welle haben die Leute alle Regeln und Richtlinien befolgt, aber jetzt scheint es sie weniger zu interessieren.

Victor: Ich denke auf jeden Fall, dass die Leute gut darauf reagiert haben und sich an die von der Regierung erlassenen Einschränkungen gehalten haben. Ich denke jedoch, dass aufgrund der Tatsache, dass Namibia dünn besiedelt ist und wärmeres halbtrockenes Klima hat, ein zweiter Lockdown nicht notwendig ist. Dies wäre der letzte Nagel im Sarg für die meisten kleinen Unternehmen im Tourismussektor.

Ausblick

Was sind die dringendsten Probleme, welche die Regierung während und nach Corona angehen sollte? (z.B. Konjunkturpakete, Reformierung des Gesundheits-/Schulwesens, …)
Tuta: Die Regierung hat einige Konjunkturpakete eingeführt und ein Budget dafür bereitgestellt, speziell für Tourismusunternehmen. Wir haben uns beworben, aber nie eine Antwort bekommen. Die Agentur, welche für diese Pakete zuständig ist, ging nie ans Telefon, also haben wir aufgegeben. Unser Gesundheitssystem ist seit langem eines der besten und ich würde mir wünschen, dass es noch besser wird. Besonders wünschte ich aber, dass unsere Regierung transparenter wäre!

Victor: Ich denke definitiv, dass Konjunkturpakete der Ausgangspunkt wären, aber man muss im Kopf behalten, dass wir hier im Globalen Süden leben, so dass es wahrscheinlich nicht passieren wird. Der Fokus sollte auf der Bildung liegen, da die Schulen bereits mindestens 12 Monate lang keinen regulären Unterricht mehr hatten.

Bist du eher optimistisch oder pessimistisch, was die Zukunft angeht? Was würdest du dir/deinem Land wünschen?
Tuta: Ich habe immer noch große Hoffnungen für unser Geschäft und dass es eines Tages gut laufen wird. Wir haben bereits Buchungen für das nächste Jahr 2022. Es ist aber nicht einfach durchzuhalten, da wir noch Rechnungen zu bezahlen haben. Ich möchte allerdings nie über Aufgeben nachdenken, denn es gibt für mich kein Zurück mehr. Ich bin sehr optimistisch, was die Zukunft unseres Landes angeht.

Victor: Ich denke, angesichts der Entwicklung der Impfstoffe kann man ein wenig optimistisch sein. Die Realität ist jedoch, dass der Tourismussektor zwischen zwei bis fünf Jahre braucht, um sich zu erholen und somit viel Kraft und Hoffnung erfordert.

Quellen

  1. Deutschlandfunk (2020): “Deutschlands fast vergessene Kolonialgeschichte”, abgerufen unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/deutsch-suedwestafrika-deutschlands-fast-vergessene.976.de.html?dram:article_id=469599, letzter Zugriff am 21.02.2021.
  2. The Guardian (2020): “Namibia rejects German compensation offer over colonial violence”, abgerufen unter: https://www.theguardian.com/world/2020/aug/12/namibia-rejects-german-compensation-offer-over-colonial-violence, letzter Zugriff am 21.03.2021.
  3. ZDF(2020): “Namibia lehnt deutsches Angebot ab”, abgerufen unter: https://www.zdf.de/nachrichten/politik/namibia-deutschland-entschaedigung-kolonialzeit-100.html, letzter Zugriff am 21.03.2021.
  4. CGTN (2021): “Namibia’s tourism industry loses $220 million due to COVID-19 pandemic”, abgerufen unter: https://africa.cgtn.com/2021/02/17/namibias-tourism-industry-loses-220-million-due-to-covid-19-pandemic/,  letzter Zugriff am 21.03.2021.
  5. United Nations (2020): “Namibia declares State of Emergency due to COVID-19″, abgerufen unter: https://namibia.un.org/en/38970-namibia-declares-state-emergency-due-covid-19, letzter Zugriff am 21.03. 2021.
  6. Wikipedia: „COVID-19 pandemic in Namibia“, abgerufen unter https://en.wikipedia.org/wiki/COVID-19_pandemic_in_Namibia, letzter Zugriff am 21.03.2021.

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