Zeit für einen Mutausbruch

Zeit für einen Mutausbruch

Die Schwestern Srijana und Srishti Jayana haben mitten in der Pandemie ein Start-up für Makramee-Produkte in Bhaktapur gegründet.

01.01.2021

Nepal

Hauptstadt: Kathmandu
Sprachen: Neben der Amtssprachen Nepali gibt es ca. 80 verschiedene Sprachen und Dialekte. Nepali ist vom Sanskrit abgeleitet und wird von etwa 60% der Bevölkerung gesprochen.
Einwohnerzahl: ca. 28 Millionen

Schon gewusst?

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Wenn wir eines in der Pandemie (neu) lernen, dann wie wichtig es ist, vorrausschauend zu planen. Denn die exponentielle Verbreitung des Virus ist nur mit flexibler und gleichzeitig langfristiger Planung zu verhindern. Wer heute seine Großeltern besuchen möchte, der sollte die letzten 14 Tagen am besten in Quarantäne verbracht haben, um ein Ansteckungsrisiko zu vermeiden. Aber blicken wir auch mit dem gleichen Weitblick auf die Zeit nach der Pandemie? Wer sind die Menschen, die jetzt schon mutig voraus denken und langfristige Projekte initiieren?

Zwei Personen, die diesen Weitblick besitzen, sind Srijana (23) und Srishti (25) Jayana. Die beiden Schwestern haben mitten in der Pandemie ein Makramee Start-up mit der Vision gegründet, Frauen in Nepal zu empowern. Wir haben mit Srishti über Yoga im Lockdown, ihre Mehrfachbelastung als Gründerin und über Zukunftsträume gesprochen.

Srijana und Srishti Jayana, Gründerinnen von Macramé Laced

Ein Gespräch mit Srishti Jayana

Srishti, du arbeitest bei der nepalesischen NGO Tewa und absolvierst einen Master in Gender Studies. Wie sah ein gewöhnlicher Tag vor der aktuellen Corona-Pandemie aus?

Ein üblicher Tag sah so aus, dass ich morgens nach der Vorlesung direkt ins Büro gegangen bin. In Nepal sind die Master-Studiengänge berufsbegleitend ausgerichtet. Das heißt, sie finden entweder morgens zwischen 6.30 Uhr und 8.30 Uhr statt oder nachmittags ab 16 Uhr. Nach der Arbeit gegen 17 Uhr habe ich die Abende meistens mit Kolleg*innen oder Freund*innen verbracht. In den meisten Wochen war das meine tägliche Routine.

Was hat sich seit der Pandemie verändert?

In den ersten Tagen der Pandemie und während des Lockdowns von März bis Juni wurden die Uni Kurse vollständig eingestellt und erst nach sechs Monaten wieder aufgenommen. Ich habe ein komplettes Semester durch die Pandemie verloren. Trotzdem habe ich im Lockdown von Zuhause aus gearbeitet. Die Arbeitszeiten waren flexibler und ich hatte mehr Zeit für Übungen, Yoga, Kochen oder Lesen. Ich habe es genossen, mehr Zeit für mich selbst zu haben, da ich normalerweise eine Stunde pro Arbeitsweg brauche, um zur Uni oder ins Büro zu kommen. Außerdem kann ich zurzeit vermehrt mit Menschen in Kontakt sein, die sonst immer volle Terminkalender hatten und zu beschäftigt gewesen sind für ein Treffen.

Was bereitet dir im Moment Sorgen? Gibt es etwas, das du vermisst?
Die Pandemie selbst ist ein Stressor und bereitet mir große Sorgen. Am meisten vermisse ich, Menschen zu treffen, an öffentliche Orte oder in Restaurants zu gehen und mir fehlt die persönliche Kommunikation. Ich denke, die Pandemie ist aber auch eine großartige Zeit, um über sich selbst nachzudenken und Dinge zu tun, die sich schon so lange angesammelt haben.

Welche Ideen hast du umgesetzt, die dich in den letzten Jahren beschäftigt haben?
Vor vier Monaten haben meine Schwester und ich ein Start-up für Makramee-Produkte gegründet. Wir nennen uns Macramé Laced und stellen hauptsächlich Dekoration für Zuhause her. Neben Lampenschirme und Wandbehängen knüpfen wir aber auch Geldbeutel oder Untersetzer. Wir produzieren alles selbst von Hand. Während des Lockdowns zwischen März und Juni war es zeitweise schwierig, an das benötigte Material zu kommen und selbst jetzt ist die Materialbeschaffung immer noch herausfordernd.

Produktbeispiele von Macramé Laced

Laut dem Zensus 2018 besitzen Frauen ein Drittel der Unternehmen in Nepal.5 Doch gerade bei der Beschaffung von Finanzmitteln stehen Frauen immer noch vor zusätzlichen Herausforderungen, denn sie besitzen häufig kein Eigentum. Dies ist allerdings notwendig, um bei der Bank ein Darlehnen aufnehmen zu können. Aufgrund von fehlenden Eigentümer ist es ihnen daher nicht möglich, von den staatlichen Anreizen auf Darlehnen Gebrauch zu machen. Laut einem Bericht der Kathmandu Times habe sich zudem gezeigt, dass die meisten Banken Anträge selbst von rentablen Unternehmen, die von Frauen geführt werden, ablehnen.6

Dass Frauen seltener Eigentum besitzen, liegt vor allem daran, dass sie lange Zeit gesetzlich nicht dazu berechtigt gewesen sind. Das Zivil- und Strafrecht in Nepal ist im ‚Muluki Ain‘ zusammengefasst, einem Gesetzbuch aus dem Jahr 1853. Bis 2002 existierten über 96 diskriminierende Gesetze im Muluki Ain, die mit der Ratifizierung der CEDAW als verfassungswidrig erklärt wurden. Die Regierung führte Steuererleichterungen von bis zu 30 Prozent bei der Grundbucheintragung ein, für den Fall, dass Grundstücke und Eigentumsrechte auf Frauen überschrieben werden. Doch bis heute sind die staatliche Richtlinien in der Bevölkerung kaum bekannt. Die Anzahl der Frauen, die Grundstücksbesitzerinnen sind, hat sich von 2011 (10,17 Prozent) bis 2016 (19,17 Prozent) zwar fast verdoppelt.7,8 Dennoch arbeiten über 40 Prozent der Frauen im Agrarsektor als Angestellte und müssen neben schweren Arbeitsbedingungen auch niedrig Löhne und Ausbeutung ertragen.8

Wie habt ihr Macramé Laced gestartet und Käufer*innen gefunden?
Wir sind ein Online-Business und arbeiten ausschließlich über das Internet. In den ersten Tagen haben wir unsere persönlichen Netzwerke aus Freunden und Verwandten angeschrieben, die an Makramee-Produkten interessiert waren. Nach einiger Zeit haben wir dann uns dann an potenzielle Makramee-Verkäufer*innen gewandt. Auf diese Weise konnten wir ein größeres Publikum mit unseren Produkten erreichen. Trotzdem lag unser Hauptaugenmerk immer auf der Kontaktaufnahme mit interessierten Kund*innen über Instagram. Daher planen wir auch in naher Zukunft Influencer*innen einzusetzen, um größere Gruppen zu erreichen. Seit einigen Tagen haben wir unseren Auftritt im Internet auch über Facebook und einer Website erweitert.

Was fordert dich heraus?
Es ist schwierig, ein Start-up aufrechtzuerhalten, wenn man nebenbei noch Studentin ist und Vollzeit arbeitet. Aber die Anfragen und Rückmeldungen, die wir von unseren Kund*innen erhalten, motivieren uns. Die Leute kommen zu uns mit ihren gewünschten Entwürfen für verschiedene Produkte, und wir als Herstellerinnen versuchen unser Bestes, um ihre Vorstellungen umzusetzen. Bislang lieben unsere Kund*innen alle Produkte, die wir hergestellt haben. Das spornt uns an, neue Designs auszuprobieren und an neuen Projekten zu arbeiten.

Die nächste Herausforderung besteht darin, den Kreis an Interessenten und potenziellen Kund*innen zu erweitern. Soweit wir wissen, werden Makramee-Produkte in Nepal zunehmend beliebter und finden immer mehr Verbreitung auf dem Markt. Aber die Verkaufszahlen sind noch nicht so hoch wie erwartet.

Vulnerabilität wird im Allgemeinen definiert als die verminderte Fähigkeit eines Individuums oder einer Gruppe, die Auswirkungen einer natürlichen oder vom Menschen verursachten Gefahr „vorherzusehen, zu bewältigen, zu widerstehen und sich davon zu erholen“.9 Die Grundursachen dieser Verwundbarkeit liegen im fehlenden Zugang zu Ressourcen, die es den Menschen ermöglichen würden, mit gefährlichen Ereignissen umzugehen – wie Einkommen, Bildung, Gesundheit und soziale Netzwerke. Dieser Zugang kann insofern geschlechtsspezifisch sein, als dass Frauen im Allgemeinen tendenziell über weniger Vermögenswerte verfügen als Männer. Zudem ist Vulnerabilität auch mit sozialen Rollenverständnissen verknüpft. Frauen haben oft eine „dreifache Last“ zu tragen. Bradshaw und Fordham verwenden in diesem Kontext das Bild des Jonglierens. Frauen müssen eine reproduktive Rolle erfüllen, durch das Gebären und die Versorgung von Kindern, und gleichzeitig eine produktive Rolle einnehmen, durch eine Anstellung und/oder die Arbeit im Haushalt. Zudem kommt häufig eine verwaltende Rolle in der Gemeinschaft hinzu, die freiwillig und unbezahlt abläuft. Das Jonglieren der Rollen führt dazu, dass Frauen psychisch oder physisch häufig schneller ermüden und krank werden als Männer.9

Hast du eine Post-Corona-Utopie?
Wir haben noch nicht so viel über unsere Zukunft nachgedacht. Wir machen immer noch kleine Schritte und lernen aus dem, was wir tun. Für die kommenden Tage ist geplant, mit anderen lokalen Unternehmen zusammenzuarbeiten und unsere Produktpalette zu erweitern. Unsere Vision ist, dass Macramé Laced nicht nur ein gewinnbringendes Geschäft ist. Wir wollen vielmehr, dass wir nach einer gewissen Zeit diejenigen unterstützen können, die wirklich Hilfe brauchen. Zum Beispiel Frauen aus meiner Gegend so auszubilden, dass sie in das Unternehmen einsteigen können, damit sie eine Einkommensquelle haben. Bei besonderen Anlässen könnten wir auch den erwirtschafteten Gewinn für wohltätige Zwecke einsetzten. Unser Ziel ist es, Frauen mit Macramé Laced zu empowern.

Warum die Pandemie Frauen weltweit härter trifft

Nicht nur in Nepal, sondern auch weltweit sind Frauen stärker von der Pandemie betroffen. Sie machen 70 % der Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitssektor aus und sind somit einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt.10

40 Millionen Frauen weltweit arbeiten in informellen Beschäftigungsverhältnissen. Aufgrund der Art dieser Arbeit haben Frauen weniger Chancen auf Kündigungsschutz und bezahlten Krankenstand oder andere Arbeitnehmerrechte.10

Des Weiteren leisten Frauen weltweit 76,2 Prozent der insgesamt geleisteten Care-Arbeit. Frauen wenden durchschnittlich 3,2-mal mehr Zeit für unbezahlte Care-Arbeit auf als Männer: 4 Stunden und 25 Minuten pro Tag, gegenüber 1 Stunde und 23 Minuten bei Männern. In keinem Land der Welt leisten Männer und Frauen den gleichen Anteil an unbezahlter Care-Arbeit.11 Mit Quarantänemassnahmen nimmt die Arbeitsbelastung bei der Betreuung von Kindern, Kranken und älteren Menschen sowie bei der Hausarbeit zu.

Gender Care Gap in Asien

  • no data available
  • 60.0 - 69.9 %
  • 70.0 - 79.9 %
  • 80.0 - 89.9 %
  • more than 90.0 %

Prozentualer Beitrag an unbezahlter Care-Arbeit von Frauen.12

Quellen

  1. UNDP – United Nations Development Programme (2020): Rapid Assessment of socio-economic impact of Covid-19 in Nepal. Online unter: https://www.np.undp.org/content/nepal/en/home/library/rapid-assessment-of-socio-economic-impact.html  Zuletzt besucht am 27.12.2020.
  2. NPL – National Planning Commission Central Bureau of Statistics (2019): Report on the Nepal Labour Force Survey. Online unter: https://cbs.gov.np/wp-content/upLoads/2019/05/Nepal-Labour-Force-Survey-2017_18-Report.pdf Zuletzt abgerufen am 05.12.2020.
  3. Tewa (2018): Yearly Report Learning, Monitoring & Evaluation 2016/2017. Grant Impact Assessment with Rights-Based Approach, Feminist Principles, and Appreciative Inquiry. Online unter: http://www.tewa.org.np/publications/707LME%202016-017%20report.pdf Zuletzt besucht am 27.12.2020.
  4. SRPC – Shadow Report Preparation Committee (2018): Shadow report on the sixth periodic report of nepal on CEDAW. Online unter: http://fwld.org/wp-content/uploads/2018/11/Shadow-Report-on-Sixth-Periodic-Report-of-Nepal-on-CEDAW-2018.pdf Zuletzt abgerufen am 07.12.2020.
  5. NPL – National Planning Commission Central Bureau of Statistics (2019): Report on the Nepal Labour Force Survey. Online unter: https://cbs.gov.np/wp-content/upLoads/2019/05/Nepal-Labour-Force-Survey-2017_18-Report.pdf Zuletzt abgerufen am 05.12.2020.
  6. Aryal, A. (2020): Covid-19 stops rising women entrepreneurs in their tracks. Online unter:https://kathmandupost.com/money/2020/09/06/covid-19-stops-rising-women-entrepreneurs-in-their-tracks Zuletzt abgerufen am 05.12.2020.
  7. Rawal, S. et al.(2016): Legislative Provisions regulating Women’s access and ownership of Land and Property in Nepal. Online unter: https://publications.iom.int/system/files/pdf/legislative_provisions_nepal.pdf Zuletzt abgerufen am 21.12.2020
  8. NPL – National Planning Comission (2016): Post Disaster Needs Assessment. Vol. B: Sector reports (Bericht), Kathmandu: National Planning Commission. Online im Internet:https://www.npc.gov.np/images/category/PDNA_volume_BFinalVersion.pdf Zuletzt abgerufen am 21.12.2020
  9. Bradshaw, S., Fordham, M. (2013): Women, Girls and Disasters. A review for DFID. Online unter:https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/844489/withdrawn-women-girls-disasters.pdf Zuletzt abgerufen am 05.12.2020.
  10. Rivera, C. et al. (2020): Gender inequality and the Covid-19 crisis: A human development persepctive. Online unter:http://hdr.undp.org/en/content/gender-inequality-and-covid-19-crisis-human-development-perspective. Zuletzt abgerufen am 05.12.2020.
  11. ILO – International Labour Organization (2018): Care work and care jobs for the future of decent work. Online unter: https://www.voced.edu.au/content/ngv:80132 Zuletzt abgerufen am 05.12.2020.
  12. ILO – International Labour Organization (2019): The Unpaid Care Work and the Labour Market. An analysis of time use data based on the latest World Compilation of Time-use Surveys. Online unter: https://www.ilo.org/gender/Informationresources/Publications/WCMS_732791/lang–en/index.htm Zuletzt abgerufen am 06.12.2020.

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