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In der Krise trägt die Solidarität

In der Krise trägt die Solidarität

Señora Leiva berichtet aus einem sozioökonomisch benachteiligten Viertel in Asunción über die großen Herausforderungen und die Solidarität, die durch das Coronavirus hervorgerufen werden.

10.08.2020

Paraguay

Hauptstadt: Asunción
Sprachen: Neben ca. 20 gesprochen Sprachen – sowohl indigenen als auch anderen Nationalsprachen – sind Guaraní und Spanisch die Amtssprachen
Einwohnerzahl: ca. 7,2 Millionen

 

Schon gewusst?

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In Paraguay gibt es momentan über 6.900 bestätigte Fälle von Covid-19. Knapp 5.000 der Betroffenen sind bereits genesen, dazu wurden über 70 Todesfälle registriert.1 Bereits nach Bekanntwerden des zweiten Infektionsfalls in Paraguay wurden öffentliche Großveranstaltungen abgesagt und der Schulunterricht vorläufig ausgesetzt. Damit konnte das Land etwas Zeit gewinnen, um sich auf die Pandemie vorzubereiten. Später wurden alle Grenzen zu den Nachbarländern geschlossen, ebenfalls die Hotels und Restaurants – die sonst so belebten Straßen sind verlassen. Der Ausgang wurde strengstens untersagt. Und auch in den meisten Unternehmen steht die Produktion still.2

Doch wie funktioniert eine Ausgangssperre in einem Land, in dem der Großteil der Bevölkerung im informellen Sektor arbeitet? Übersteht ein Land, welches schon vor der Pandemie Schwierigkeiten mit der Nahrungsmittelversorgung seiner Bevölkerung hatte die aktuelle Situation? Und wer profitiert von der aktuellen Krise?

Wir haben Mitte Juli 2020 ein Online-Interview mit Digna Mercedes Leiva geführt. Sie wohnt mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in der kleinen Siedlung Arapoty, die zum Viertel San Isidrio der Stadt Lambaré gehört. Lambaré wiederum ist Teil des Ballungsgebiets der Hauptstadt Asunción. Im Interview hat sie uns von der aktuellen Situation in ihrem Viertel, der Solidarität unter Nachbarn und neuen Herausforderungen berichtet.

Interview mit Digna Mercedes Leiva

Paraguay weist relativ niedrige Zahlen an bestätigten Infektionsfällen auf. Sind Sie in Ihrer Familie oder in Ihrem sozialen Umfeld mit der Krankheit konfrontiert worden?

Es stimmt, in Paraguay ist die Zahl der Infektionen relativ gering. In meinem Familienkreis hatten wir bis jetzt zum Beispiel noch keine Fälle. Aber ja, es gab einen Todesfall in einem nahegelegenen Viertel. Unser Viertel ist davon bis jetzt verschont geblieben.

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihr tägliches Leben?

Die Situation ist wirklich etwas traumatisch und auch ein wenig kompliziert. Wir kommen damit zurecht, aber es ist schwierig, weil man nicht ohne Weiteres hinausgehen kann, weil wir immer noch in Quarantäne sind. Hier in der Nachbarschaft kann man sich zwar bewegen, aber wir leben immer noch in Angst und wir sind sehr vorsichtig. Nun, hier im Gebiet der Hauptstadt und auch im Bundesland Paraná befinden wir uns in Phase 3 der Quarantäne, in der man die Erlaubnis hat rauszugehen. Aber es gibt zeitliche Beschränkungen dafür. 

Das Thema Arbeit ist schwierig. Man kann nicht zur Arbeit gehen. Die Wahrheit ist, dass es im Moment keine Arbeit gibt. Wir sind von den Auswirkungen der Quarantäne betroffen. Die meisten Menschen in der Nachbarschaft arbeiten im Recyclingbereich, und das ist in diesen Zeiten nicht mehr möglich. In der Quarantäne können sie nicht hinausgehen, um ihren Geschäften nachzugehen, daher waren diese Menschen am stärksten betroffen und ihre Ressourcen reichen ihnen nicht einmal mehr für etwas zu essen.

Haben Sie einen Mangel an Nahrungsmitteln in Ihrem Viertel beobachtet?

Ja, das habe ich. Es gab Probleme. In den Geschäften und Supermärkten fehlten einige Produkte, wie Fleisch, Brot und andere Dinge. Der persönliche Mangel der Familien war auf den Mangel an Arbeit und dann auf den Mangel an wirtschaftlichen Ressourcen zurückzuführen. Mehrere Personen hatten nichts mehr. Wir hatten etwas mehr als die Nachbar*innen, also haben wir uns zusammengetan und Gemeinschaftsgerichte gekocht, um alle zu ernähren. Es gibt hier viel Solidarität, und wir unterstützen all diejenigen, die nichts hatten. Das heißt, man teilt das, was man hat, mit den Menschen in der Nachbarschaft. So versuchen wir das alles auszuhalten.

…also haben wir uns zusammengetan und Gemeinschaftsgerichte gekocht, um alle zu ernähren.

Digna Mercedes Leiva

Haben Sie und Ihre Familie in irgendeiner Form Hilfe von der Regierung erhalten?

Es gab eine gewisse finanzielle Unterstützung seitens der Regierung, aber sie war wirklich sehr gering und nicht ausreichend. Sie wurde auch nur den bedürftigsten Menschen entgegengebracht, aber sie erreichte nicht alle Familien, die sie wirklich brauchten. Es war also nicht genug. Diese Unterstützung wurde in zwei Etappen ausgezahlt: Je Etappe wurden 548.000 Guaraníes (ca. 73 Euro)6 an jede ausgewählte Familie gezahlt. Die Regierung vergab das Geld über die App namens „Billetera“ (deutsch: Geldbeutel), mit der in einigen Supermärkten bezahlt werden kann. Mit diesem Geld konnte man nur Lebens- und Haushaltsmittel kaufen. Zudem war es nur in den großen Supermärkten möglich, die Gutschrift einzulösen. Die kleinen Geschäfte hatten keine Vereinbarungen mit der Regierung, weswegen sie die Gutschrift nicht annehmen konnten. Ein weiterer Punkt, auf den ich hinweisen möchte, ist, dass die Kosten wirklich sehr hoch waren, das heißt, die Preise für Lebensmittel sind stark gestiegen.

Welche Gruppen waren aus Ihrer Sicht besonders betroffen und wer waren diejenigen, die in Paraguay am meisten von der Pandemie profitierten?

Im Prinzip waren die am stärksten betroffenen Gruppen die in der Gastronomie Beschäftigten, die ärmsten Leute, die im Recycling tätig sind und kleine Geschäfte. Dann auch noch die Leute, die in Friseursalons arbeiten, kleine Lebensmittelgeschäfte und viele andere kleine Unternehmen, die schließen mussten. Im Gegensatz dazu gibt es Gruppen, die die Situation ausnutzen konnten. Die Großunternehmer oder wie immer diejenigen auf den höchsten Ebenen, und auch die großen Supermärkte waren nicht betroffen, sondern gehen als Gewinner hervor.

Wie entwickelt sich die Akzeptanz der Bevölkerung für die Einschränkungen?

Die Wahrheit ist, dass die Situation meiner Meinung nach immer schlimmer werden wird und die Leute auf die Straße gehen werden. 

Digna Mercedes Leiva

Die Akzeptanz nimmt immer mehr ab, es akzeptieren nur noch sehr wenige Menschen die Beschränkungen. Dies geschieht gerade wegen der Wirtschaft, weil die Menschen hungrig sind, man kann nicht rausgehen, um richtig zu arbeiten und es gibt Einschränkungen bei der Anzahl, wie viele Menschen zusammenkommen können und all das. Die Wahrheit ist, dass die Situation meiner Meinung nach immer schlimmer werden wird und die Leute auf die Straße gehen werden. Die Leute respektieren es nicht, sie akzeptieren das nicht länger. Am Anfang benutzten alle Leute Mund-Nasen-Schutz, aber jetzt werden die Maßnahmen nicht mehr eingehalten. Ich schätze, dass jetzt nur noch 30-40 % der Menschen diesen Schutz tragen. Die mangelnde Akzeptanz gefährdet die niedrige Zahl der Infektionen und kann zu einem Anstieg führen.

In dem wirtschaftlich schwierigen Jahr 2019 sorgten vor allem eine extreme Dürre gefolgt von Überschwemmungen dafür, dass die Wirtschaft Paraguays im Endergebnis um 0,1 % schrumpfte. Vor dem Ausbruch der aktuellen Pandemie rechneten der IWF und die Economist Intelligence Unit (EIU) für dieses Jahr wieder mit einem Anstieg des BIP von 3,5 bis 4 % in Paraguay.7

Nun hat sich die ökonomische Situation erschwert. Im wichtigen Bereich der Agro-Export Produkte bereiten ein niedriger weltweiter Soja-Preis und (aufgrund von Covid-19) abgesagte Fleischexporte Schwierigkeiten. Der Großteil der Bevölkerung (ca. 70 %) arbeitet im informellen Sektor und ist durch Beschränkungen besonders betroffen. Eine fehlende soziale Sicherung bringt Unbeschäftigte schnell in Armut. Die Preise für den staatlichen Basis-Warenkorb (canasta básica), welcher die Ärmsten mit Grundnahrungsmitteln versorgt, sind um bis zu 50 % gestiegen. Der Bereich der Nahrungsmittelsicherheit war in Paraguay schon vor der Pandemie ein großes Problem, nun sind noch mehr Menschen von Nahrungsmangel betroffen (ca. 2 von 7 Mio. Einwohnern).8

Um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Gesundheitsnotstands zu überwinden, stellte die paraguayische Regierung am 03. August 2020 die Ausarbeitung eines Sozialpakts vor. In Zusammenarbeit mit Kirchenvertretern wurde der Plan „Ñapu’ã Paraguay“ präsentiert, welcher die Beschäftigung im Land mit konkreten Maßnahmen reaktivieren soll.9 

Wie nehmen Sie die Situation von Covid-19 wahr, wie wird über COVID-19 und die soziale Situation in Medien wie Fernsehen und Radio gesprochen?

Es ist so, dass sie viel reden. Sie sagen, dass es Krankheit gibt, dass es viel Krankheit gibt. Was man auch sieht und wahrnimmt ist, dass es jeden Tag mehr Bedürftigkeit und ärmere Menschen gibt, die von dieser Pandemie betroffen sind. Es gibt keine Hilfe für alle, und ich denke, dass wir zunehmend in eine leidvolle Situation geraten. Was die Wirtschaft betrifft, so geht es uns in Paraguay immer schlechter.

Wie sehen Sie die politische Aktivität der Regierung, gehen sie auf die Demonstrationen oder auf die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ein?

Um ehrlich zu sein tut sie das sehr wenig. Ich sehe keine Politik, die versucht dies zu ändern. Es scheint, dass sie, wie üblich, eher sich selbst als das Volk begünstigt.

Paraguay hat gerade gegen eine Dengue-Epidemie gekämpft. Wie sehen Sie die Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Umgang mit den beiden Krankheiten?

Man weiß einfach nicht mehr wie man leben, wie man sich verhalten, wie man dagegen vorgehen soll.

Digna Mercedes Leiva

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Die Dengue-Epidemie war etwas anderes, denn man kämpfte gegen das Virus durch Sauberkeit im Viertel, hielt es sauber, ließ nirgendwo stehendes Wasser zurück. Damit konnte man das Virus, also die Mücke als Überträger, bekämpfen. Aber man konnte ohne Probleme zur Arbeit gehen. Wie man das Coronavirus bekämpfen kann, weiß man einfach nicht ganz genau. Den Menschen wird zum Beispiel gesagt, dass sie nur Masken tragen, sich die Hände waschen und Alkohol zur Desinfektion verwenden können, aber nicht rausgehen und nicht arbeiten dürfen. Wir wissen einfach nicht genau, wie das Virus übertragen wird. An einem Tag sagen sie das eine, dass es über die Hände und Gegenstände übertragen wird, am anderen Tag sieht man in den Nachrichten, dass es wahrscheinlich durch die Luft übertragen wird. Man weiß einfach nicht mehr, wie man leben, wie man sich verhalten, wie man dagegen vorgehen soll.

Dengue ist eine Viruskrankheit, die unter anderem Fieber hervorruft und unter Umständen auch zum Tode führen kann. Übertragen wird sie von der in tropischen und subtropischen Weltregionen vorkommenden Aedes-Mücke. Dengue erlebte in den letzten Jahren eine rasante weltweite Verbreitung aufgrund von ansteigenden Durchschnittstemperaturen. Ein verlässliches Impfmittel gibt es derzeit nicht. Daher schützen nur die Umsetzung bestimmter Maßnahmen und die Nutzung von persönlichem Mückenschutz vor einer Ansteckung. Eine Hauptmaßnahme gegen die Verbreitung der Mücke ist bspw. die Beseitigung offener Wasserbehältnisse, sodass die Mücke keine Eier ablegen kann. Paraguay ist eines der Länder, welches regelmäßig gegen Dengue-Epidemien ankämpfen muss.10

Ausblick

Wie Digna Mercedes Leiva im Interview berichtet, ist die aktuelle Situation vor allem für den ärmsten Teil der Bevölkerung schwierig und die Möglichkeit, das eigene Einkommen im informellen Sektor zu bestreiten, noch komplexer als sonst. Ohne politische Lösungen für die gerechte Verteilung von Ressourcen gegen die soziale und ökonomische Krise, wird es keinen Ausweg aus der Situation geben. Aufgrund der großen Solidarität im Viertel besteht aber Hoffnung, dass diese Krise gemeinsam überstanden werden kann. Es bleibt zu hoffen, dass sich sowohl in Paraguay als auch im Rest der Welt die Solidarität zwischen den Menschen stärker entwickelt als der Unmut und die Aussichtslosigkeit. Diese kann nachhaltig zu stärkeren Gesellschaften beitragen. Wir werden mit Señora Leiva in Kontakt bleiben und die Situation in Paraguay weiter verfolgen.

Quellen

  1. Johns-Hopkins-Universität (2020), abgerufen unter https://coronavirus.jhu.edu/region/paraguay. Zuletzt besucht am 09.08.2020.
  2. Industrie- und Handelskammer Hannover (15.04.2020), abgerufen unter https://www.hannover.ihk.de/internationalzoll/laender-und-maerkte/nord-mittel-und-suedamerika/paraguaycorona.html. Zuletzt besucht am 09.08.2020.
  3. ADN Paraguayo (14.07.2020), abgerufen unter https://www.adndigital.com.py/oficializan-inicio-de-la-fase-3-de-la-cuarentena-inteligente-sepa-que-esta-permitido-y-cuales-son-las-restricciones/. Zuletzt besucht am 09.08.2020
  4. finanzen.net GmbH (2020), abgerufen unter https://www.finanzen.net/waehrungsrechner/euro_guarani. (Wechselkurs vom 09. August 2020) Zuletzt besucht am 09.08.2020.
  5. La Nación (04.09.2019), abgerufen unter https://www.lanacion.com.py/mitad-de-semana/2019/09/04/cerca-de-100000-paraguayos-viven-del-reciclaje/ . Zuletzt besucht am 09.08.2020. 
  6. finanzen.net GmbH (2020), abgerufen unter https://www.finanzen.net/waehrungsrechner/euro_guarani. (Wechselkurs vom 13. Juli 2020) Zuletzt besucht am 09.08.2020.
  7. Germany Trade & Invest (24.02.2020), abgerufen unter https://www.gtai.de/gtai-de/trade/wirtschaftsumfeld/wirtschaftsausblick/paraguay/wirtschaftsausblick-paraguay-221196. Zuletzt besucht am 09.08.2020.
  8. Consejo Latinoamericano de Ciencias Sociales (April 2020), abgerufen unter https://www.clacso.org/entre-la-crisis-y-la-pandemia-la-encrucijada-del-paraguay/. Zuletzt besucht am 09.08.2020.
  9. Agencia de Información Paraguay (03.08.2020), abgerufen unter https://www.ip.gov.py/ip/plantean-pacto-social-ante-emergencia-sanitaria-para-sacar-adelante-al-pais/. Zuletzt besuch am 09.08.2020.
  10. Auswärtiges Auswärtiges Amt (22.01.2020), abgerufen unter https://www.auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit/reise-gesundheit/tropenkrankheiten/199318. Zuletzt besucht am 09.08.2020.

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