Im Kampf gegen HIV während Covid-19

Im Kampf gegen HIV
während Covid-19

Geschäftsführer Kuraish Mubiru engagiert sich während des Covid-19-Lockdowns
in Uganda für HIV-positive Menschen durch die Lieferung
dringend benötigter Medikamente.

28.07.2020

Uganda

Hauptstadt: Kampala
Sprachen: mehr als 50 gesprochene Sprachen; Amtssprachen sind Englisch und Swahili
Bevölkerung: ca. 43 Millionen

Schon gewusst?

Translation

Want to read this article in English? Please click here

Diesen Monat hatten wir die besondere Gelegenheit, ein Interview mit Kuraish Mubiru, dem Geschäftsführer der Organisation Uganda Young Positives (UYP) zu führen. Seine NGO wurde 2003 mit dem Ziel gegründet, junge Menschen, die in Uganda mit HIV leben, zu vernetzen und über gemeinschaftliche Kampagnen zu mobilisieren. Mit ihrem Beitrag zur Prävention, Pflege und ärztlichen Betreuung verbessert UYP die Lebensqualität junger HIV-positiver Menschen in Uganda und trägt gleichzeitig zu einer Reduzierung der HIV-Verbreitung bei. Heute zählt UYP mehr als 60.000 Mitglieder im ganzen Land.

Während die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf der ganzen Welt spürbar sind, wurden HIV-positive Menschen in Uganda besonders hart getroffen. Im Zuge der Viruseindämmung wurde eine vollständige Ausgangssperre verhängt, die nicht zuletzt den öffentlichen Nahverkehr lahm legte – eine Maßnahme, die den Zugang zu HIV-Medikamenten nahezu unmöglich machte. Kuraish Mubiru von UYP war einer der ersten, der die verheerenden Folgen dieser Maßnahme für HIV-positive Menschen erkannte und begann, dringend benötigte HIV-Medikamente bereitzustellen und Betroffene mit Lebensmitteln zu versorgen. 

Kuraish Mubirus Karriere bei UYP

Als Kuraish Mubiru seine Karriere vor 8 Jahren als Freiwilliger bei Uganda Young Positives begann, erkannte er schnell seine Leidenschaft für den Einsatz zugunsten Schutzbedürftiger und gesellschaftlich benachteiligter Personen. Da er selbst HIV-positiv ist, zeigte er stets ein großes Verständnis für die Bedürfnisse der Gemeinschaft, was ihn – in Verbindung mit seinem unermüdlichen Engagement – schnell in der Organisationshierarchie aufsteigen ließ. Im Januar 2018 wurde er schließlich zum Geschäftsführer von UYP ernannt, eine Position, die er bis heute mit großem Eifer ausführt.

Uganda Kuraish Mubiru
Kuraish Mubiru, Geschäftsführer von Uganda Yong Positives, liefert während des Corona-Lockdowns in Uganda HIV-/Aids-Medikamente

Mubirus Reaktion auf die Ausgangssperre in Uganda

Am 18. März 2020 richtete sich Ugandas Präsident Yoweri Museveni erstmals an die Bevölkerung, um Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 zu verkünden. Diese sahen zunächst die Schließung von Schulen, Gotteshäusern und anderen öffentlichen Versammlungen vor; in derselben Woche kündigte er zudem die Einstellung des öffentlichen und privaten Verkehrs an. Diese Maßnahme wirkte sich besonders stark auf HIV-positive Menschen aus, da sie nun nicht mehr zu den Gesundheitseinrichtungen gelangen konnten, um ihre tägliche ART-Medikation zu bekommen.

ART

ART – Antiretrovirale Therapie:

Kann die Viruslast unterdrücken, das Immunsystem wieder stärken und eine weitere Übertragung verhindern. Wenn ART täglich wie vorgeschrieben eingenommen wird, wird die HIV-Menge im Blut nicht mehr nachweisbar, wodurch eine HIV-infizierte Person ein langes und gesundes Leben ohne Risiko einer Virusübertragung, nicht einmal beim Geschlechtsverkehr, führen kann.

Wenn du keinen Kontakt zu den Behörden aufnimmst, dann werden wir während des Lockdowns einen Anstieg neuer HIV-Infektionen erleben.

Kuraish Mubiru

Quote_Icon

Zahlreiche Betroffene sahen plötzlich ihre Lebensgrundlage in Gefahr und riefen mangels Alternativen die Mitarbeiter von UYP an. In dem Moment wurde Herrn Mubiru bewusst, dass er etwas unternehmen musste, um seine Kolleg*innen zu unterstützen: „Wenn du deine Komfortzone nicht verlässt und keinen Kontakt zu den Behörden aufnimmst, dann werden wir während des Lockdowns einen Anstieg neuer [HIV] Infektionen erleben.“ Er schrieb also an das Gesundheitsministerium mit der Bitte um eine Fahrzeugplakette, die es ihm erlauben würde, Medikamente aus den Gesundheitseinrichtungen an junge HIV-Infizierte zu liefern. Nach Erklärung der Sondergenehmigung erhielt er zeitnah die Plakette und konnte mit den Auslieferungen beginnen. Von diesem Tag an belieferte er mehr als 300 junge Menschen in der Region Kampala mit ihren Medikamenten: „Ich habe bei dieser Arbeit fast 12 Stunden am Tag damit verbracht, Hunderte und Tausende Kilometer Strecke zurückzulegen.“

Kritische Lebensmittelversorgung während des Lockdowns

Der Zugang zu ihren HIV-Medikamenten war jedoch nicht die einzige Herausforderung, vor der HIV-Infizierte während des Lockdowns standen, denn die meisten der von UYP Begünstigten lebten von der Hand in den Mund. Die Ausgangssperre machte es ihnen nun unmöglich, das Haus zum Arbeiten zu verlassen, was für sie bedeutete, keine Lebensmittel mehr erwerben zu können. Auch hier wurde Herr Mubiru tätig und schaffte es, gemeinsam mit The Global Fund1 die am stärksten betroffenen Menschen der Gemeinde neben HIV-Medikamenten auch mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Stigmatisierung und Diskriminierung auf dem Vormarsch

Ein weiteres Problem, das während der Covid-19-Krise zunahm, war die Angst vor Stigmatisierung. Viele junge Menschen hatten der Familie und Freunden ihre HIV-Erkrankung noch nicht offengelegt, weil in den Gemeinden weiterhin ein erhebliches Maß an Stigmatisierung und Diskriminierung vorherrscht. Da sie während des Lockdowns zu Hause eingesperrt waren, war es Herrn Mubirus Schützlingen kaum möglich, unbemerkt Medikamente zu erhalten und einzunehmen, was eine erhöhte psychische Belastung zur Folge hatte. Kuraish Mubiru stellt sich entschieden gegen diese Form der Stigmatisierung: „Ich glaube, wir können eine solidarischere Gesellschaft aufbauen, […] eine Gesellschaft, die weniger stigmatisierend und diskriminierend ist.“

Quote_Icon
Ich glaube, wir können eine Gesellschaft aufbauen, die weniger stigmatisierend und diskriminierend ist.

Kuraish Mubiru

Finanzielle Hürden für UYP

Der Ausbruch der Corona-Pandemie war nicht nur für HIV-positive Menschen herausfordernd – er legte auch Kuraish Mubiru und der NGO selbst erhebliche Hindernisse in den Weg. Da die Pandemie für alle unerwartet kam, hatte UYP kein Budget für Medikamentenlieferungen eingeplant, was für die Organisation große finanzielle Hürden aufwarf. So musste Herr Mubiru zu Beginn seiner Initiative seine eigenen Ersparnisse aufbrauchen, um sein Auto, das er für die Lieferungen nutzte, zu betanken. Nachdem diese gänzlich aufgebraucht waren, konnte er punktuell finanzielle Unterstützung von UNAIDS2 sowie von Freunden und anderen NGOs und Akteur*innen der ugandischen Zivilgesellschaft mobilisieren. Dennoch blieb die Finanzierung seiner Mission stets prekär. Zur weiteren Unterstützung wurde eine WhatsApp-Gruppe mit mehr als 165 HIV-Aktivist*innen gegründet, die es Herrn Mubiru ermöglichte, auf seine Arbeit aufmerksam zu machen und Unterstützung von weiteren Organisationen wie TASO3 und UGANET4 zu gewinnen.

Lockerung der Einschränkungen, aber Erhöhung der Fahrpreise

Kürzlich wurden einige der Lockdown-Maßnahmen aufgehoben: Insbesondere der öffentliche und private Verkehr wurde wieder genehmigt. Jedoch sind die Fahrpreise seit der Abriegelung in die Höhe geschossen, weshalb es den durchschnittlichen Bürger*innen von Kampala kaum mehr möglich ist, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Daher setzt Herr Mubiru seine Bemühungen mit der Bereitstellung von HIV-Medikamenten und Lebensmitteln fort. Er meint, dass „Covid-19 uns die Augen dafür geöffnet hat, dass es einen direkten Mechanismus zur Unterstützung von Menschen mit HIV geben sollte, damit sie ein sinnerfülltes Leben führen können, aber auch, damit sie ihre lebenslange Behandlung fortsetzen können“.

Covid-19 hat uns die Augen dafür geöffnet, dass es einen direkten Mechanismus zur Unterstützung von Menschen mit HIV geben sollte, damit sie ihre lebenslange Behandlung fortsetzen können.

Kuraish Mubiru

Erhöhte Solidarität

Auch wenn Covid-19 für die in Uganda lebenden HIV-Infizierten enorme Nachteile mit sich gebracht hat, so hat es doch zu einer verstärkten Solidarität unter den Akteur*innen geführt und die Notwendigkeit einer Zusammenarbeit im Kampf gegen HIV aufgezeigt: „Ich denke, die Solidarität, insbesondere unter den zivilgesellschaftlichen Organisationen und Netzwerken von PLHIV5 hat zugenommen, aber auch von öffentlicher Seite hat die Regierung jetzt erkannt, wie wichtig es ist, Beziehungen und direkte Partnerschaften mit Einrichtungen wie unserer aufzubauen.“ Herr Mubiru ist ein Beispiel von vielen engagierten Akteur*innen, die während der aktuellen Covid-19-Krise für ihre Mitmenschen eingetreten sind. Seine Führungsqualität, sein unermüdlicher Einsatz und sein Sinn für Solidarität gegenüber Mitbürger*innen in Not sind es, die es Gemeinschaften wie seiner ermöglichen, solch außergewöhnliche Krisenzeiten zu überstehen. Um mit seinen Worten abzuschließen: „Covid-19 wird enden, unser Kampf wird weitergehen. Und daher, an alle Akteur*innen in der HIV-Bekämpfung: Ich möchte Ihnen versichern, dass uns nichts auf der Welt einschüchtern kann und uns nichts aufhalten wird.“

Seit HIV/Aids in Uganda 1983 erstmals entdeckt wurde, nahm das Land eine offene Haltung gegenüber der Viruspandemie ein und gehörte zu den ersten afrikanischen Ländern, die ein Nationales Komitee für die Prävention von Aids (NCPA) und ein nationales Aids-Kontrollprogramm (AKP) ins Leben riefen. Trotz finanzieller und technischer Unterstützung durch die WHO, mehrerer Mobilisierungskampagnen und der Verbreitung von Infomaterial zur HIV-Prävention wurde Uganda in den 1990er-Jahren eines der am stärksten von HIV/Aids betroffenen Länder.

Doch seitdem hat sich viel getan: Das ugandische Gesundheitsministerium übernahm gemeinsam mit der AIDS Support Organization (TASO) eine aktive Rolle in der Prävention der Pandemie, richtete einen landesweiten Blutspendedienst, ein Kontrollprogramm für sexuell übertragbare Krankheiten sowie Angebote für vertrauliche Beratung und Tests ein. Dank transparenter Berichterstattung über den Stand der Pandemie und Leitlinien zur Prävention, sowie der Erforschung von HIV-Übertragung, Überleben und Krankheitsverlauf ist die lokale Bevölkerung zudem besser über das Virus informiert.

Heute leben rund 1,4 Millionen Ugander mit HIV, darunter über 150.000 Kinder unter 15 Jahren. Mit 60% der HIV-Positiven sind Frauen in Uganda überproportional betroffen; die Behandlung der HIV-Infektion liegt jedoch bei Frauen höher als bei Männern. Im Allgemeinen wissen etwa 89% der Ugander von ihrer HIV-Erkrankung, rund 84% durchlaufen eine antiretrovirale Therapie und 75% der HIV-Positiven weisen eine unterdrückte Viruslast auf – wobei sich Schätzungen je nach Quelle unterscheiden und diese Prozentzahlen bei betroffenen Kindern wesentlich niedriger liegen.

Fortschritte wurden bei der Anzahl von Todesfällen im Zusammenhang mit HIV/Aids erzielt: Hier ist seit 2010 ein Rückgang um 58% auf 23.000 Menschen im Jahr 2018 zu verzeichnen. Darüber hinaus sank die Zahl der HIV-Neuinfektionen über den gleichen Zeitraum von 92.000 auf 53.000 Menschen pro Jahr. Insgesamt ergibt sich daraus eine HIV-Verbreitungsrate von 5,8% unter ugandischen Erwachsenen.

Laut dem ugandischen Gesundheitsministerium (2020) „stellt HIV/Aids nach wie vor eine große sozioökonomische Herausforderung dar und zählt zu den Hauptursachen von Krankheit und Sterblichkeit.“ Vor dem Hintergrund, dass sich die HIV-Pandemie über die gesamte Bevölkerung ausgebreitet hat, fordert die ugandische Geschäftsführerin von UNAIDS, Winnie Byanyima, die nationalen Anstrengungen noch weiter auszubauen. Dabei betont sie die Tatsache, dass Uganda wie viele afrikanische Länder „bald zu Volkswirtschaften mit mittlerem Einkommen zählen werden und deshalb weniger internationale Hilfe erhalten.“ Eine Erhöhung der inländisch bereitgestellten Mittel, zusammen mit einer größeren finanziellen Effizienz und einer starken Zivilgesellschaft, die die Regierung zur Rechenschaft ziehen kann, sind für sie von größter Bedeutung.

In Ugandas lebhafter Zivilgesellschaft gibt es zahlreiche HIV-Unterstützungsorganisationen, darunter TASO, Uganda Young Positives, MenEngage, Uganda AIDS Orphan Children Foundation und Traditional and Modern Health Practitioners Together against AIDS, die den Anspruch teilen, HIV/Aids zu bekämpfen und für alle HIV-infizierten Menschen ein lebenswertes Leben zu gewährleisten.

HIV steht für human immunodeficiency virus (menschliches Immunschwächevirus) und schwächt das Immunsystem einer Person durch das Zerstören von CD4 (T)-Zellen, die den Körper gegen Infektionen und Krankheiten verteidigen. Unbehandelt kann HIV schließlich zu Aids führen, dem acquired immune deficiency syndrome (erworbene Immunabwehrschwäche), das als das am weitesten fortgeschrittene Stadium einer HIV-Infektion gilt und die Entwicklung bestimmter Krebsarten, Infektionen oder anderer schwerwiegender klinischer Langzeiterscheinungen zur Folge hat.

HIV wird übertragen durch den Austausch von Körperflüssigkeiten, wie z.B. Blut, Muttermilch, Vaginalsekrete oder Sperma infizierter Menschen, insbesondere während des Geschlechtsverkehrs oder der Rauschgifteinnahme, oder durch die Mutter-Kind-Übertragung während der Schwangerschaft und Geburt. Gewöhnlicher alltäglicher Kontakt wie Händeschütteln, Teilen von persönlichen Gegenständen, Essen und Wasser sowie Umarmen oder Küssen verursacht keine Übertragung des Virus.

Es gibt kein Heilmittel für HIV – jedoch kann ART, die antiretroviral therapy (antiretrovirale Therapie), die Viruslast unterdrücken, das Immunsystem wieder stärken und eine weitere Übertragung verhindern. Wenn ART täglich wie vorgeschrieben eingenommen wird, wird die HIV-Menge im Blut nicht mehr nachweisbar, wodurch eine HIV-infizierte Person ein langes und gesundes Leben ohne Risiko einer Virusübertragung, nicht einmal beim Geschlechtsverkehr, führen kann. Darüber hinaus verhindert die Einhaltung von ART bei schwangeren und stillenden Frauen, die mit HIV leben, eine entsprechende Übertragung auf ihre Neugeborenen.

Durch frühe und regelmäßige Medikation ist es einer HIV-infizierten Person heute möglich, ein fast ebenso langes Leben zu führen wie jemand, der kein HIV hat. Ein verbesserter Zugang zu Prävention, Diagnose und Behandlung von HIV hat das Virus zu einer beherrschbaren chronischen Erkrankung gemacht.

Zurück zum Beginn des Textes.

Fußnoten

  1. The Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria ist eine internationale Finanzierungsorganisation, die sich die Ausrottung der genannten Krankheiten zum Ziel gesetzt hat.
  2. UNAIDS ist das gemeinsame HIV-/Aids-Programm der Vereinten Nationen und koordiniert das weltweite Vorgehen gegen die HIV/Aids-Pandemie.
  3. TASO steht für The AIDS Support Organization. Sie wurde 1987 in Uganda gegründet und gilt als eine Pionierin der nicht-öffentlichen Akteure in der HIV- und Aids-Bekämpfung in Uganda.
  4. UGANET, oder Uganda Network on Law, Ethics and HIV/AIDS, ist eine 1995 gegründete NGO, die Rechtshilfe leistet und sich für die Bekämpfung von Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit HIV einsetzt.
  5.  PLHIV steht für People Living with HIV, also Menschen, die mit HIV leben.

Kommentar schreiben

Wir freuen uns auf diesem Blog über Eure Beiträge in Form von Fragen, Anregungen und Kritik. Uns liegt an einem offenen, freundlichen und respektvollen Umgang miteinander. Wir behalten uns das Recht vor, rassistische, sexistische, oder anderweitig diskriminierende Inhalte nicht zu veröffentlichen.

2 Anmerkung zu “Im Kampf gegen HIV während Covid-19

  1. Anonymous

    Mir gefallen eure Ausführungen sehr und ich finde es toll, dass ihr euch mit den Problemen unserer globalen Welt auseinandersetzt, auch wenn diese so weit entfernt scheinen.

    Antworten

Kommentar verfassen / Make a comment