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Verschoben, abgesagt oder umgeplant: Studierende und ihre Pläne im Ausland zu studieren

Verschoben, abgesagt oder umgeplant: Studierende und ihre Pläne im Ausland zu studieren

Wissenschaftsbetriebe sind inzwischen international vernetzt. Spitzenforschung geschieht immer häufiger in multinationalen Teams – was aber,
wenn die Grenzen dicht und Konferenzen abgesagt werden?

20.02.2021

Über ein Online-Tool haben uns 26 Studierende und Lehrende an deutschen und kolumbianischen Hochschulen ihre Erfahrungen zum Lehren, Lernen und Forschen im vergangenen Jahr mitgeteilt. Unsere Auswertung haben wir mit weiteren Studien und Erhebungen verglichen. Unser Ergebnis findet ihr hier in zwei Beiträgen – dieser Post ist Teil 1/2.

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Forschenden- und Studierendenmobilität ist ein wichtiger Aspekt auch der deutschen Universitätslandschaft. Universitäten streben zunehmend eine Internationalisierung ihrer Forschung und Lehre an. Dies zeigt sich zum einen darin, dass Studiengänge in Teilen oder auch in Gänze in Englisch angeboten werden, aber zum anderen auch an den Zahlen von Studierenden mit ausländischem Pass. Diese Zahl hat sich seit dem Wintersemester 09/10 sukzessive erhöht. Während in genanntem Semester 244.775 ausländische Studierende an deutschen Universitäten immatrikuliert waren, lag die Anzahl der Studierenden mit nicht-deutschem Pass nur fünf Jahre später bei 321.569. Das entspricht einer ungefähren prozentualen Steigerung von 31 %. Bis zum Wintersemester 18/19 erhöhte sich die Anzahl der ausländischen Studierenden erneut um ca. 23 % auf 394.665.1

Außerdem haben Universitäten oft explizite Internationalisierungsstrategien – der Internationalisierungsgrad wird zunehmend als wichtiger Indikator einer erfolgreichen Universität gewertet.2 Auch in unserem Studiengang [International Development Studies, Philipps-Universität Marburg] haben schon fast alle Studierenden einen Auslandsaufenthalt absolviert – und einige mehr wollten einen weiteren im Verlauf des Masterstudiums vornehmen.

Zusätzlich wird in vielen Fachbereichen hauptsächlich in englischer Sprache publiziert. Die international einflussreichsten wissenschaftlichen Publikationen veröffentlichen in Englisch als lingua franca der Wissenschaft. Wissenschaft ist also höchst globalisiert. Für acht verschiedene Länder zeigt Abbildung 1 das Verhältnis von auf Englisch verfassten Journal-Artikeln zu jenen Artikeln, die in der jeweiligen Landessprache verfasst wurden.3 Zwischen 2008 und 2011 lag das Verhältnis in Deutschland knapp unter 10:1. Angeführt wird die Statistik für den besagten Zeitraum von den Niederlanden, mit einem Verhältnis von über 40:1 Artikeln in englischer Sprache zu Veröffentlichungen auf niederländisch. In fast allen Ländern, die in Abbildung 1 aufgelistet sind, ist das Verhältnis über alle Perioden hinweg größer als 1:1. Lediglich in China wurden in den Jahren 2004-2007 ungefähr gleich viele Journal Artikel auf Englisch wie auf Mandarin veröffentlicht. In Italien, Deutschland, den Niederlanden, Russland und Frankreich folgen die Verhältnisse von Englischen Publikationen zu lokal-sprachigen einem steigenden Trend. In Spanien liegt das Verhältnis immer höher als 5:1, allerdings hat sich an diesem Verhältnis seit 2000 wenig geändert. Lediglich in Brasilien scheinen englische Publikationen rückläufig zu sein.

Wie sich prominent an der Forschung über Sars-Cov-2 gezeigt hat, entstehen durch den freien Austausch von Wissenschaftler*innen Synergien im Erkenntnisgewinn. Forschende nehmen weltweit an Tagungen und Projekten teil und teilen ihr Wissen und ihre Erkenntnisse mit einer globalen Wissenschaftsgemeinschaft.
Graphic: Ratio English to local language journal articles

Abbildung 1: Verhältnis der Anzahl von Fachzeitschriftenartikeln, die von Forscher*innen in englischer Sprache veröffentlicht wurden, zu denen in der offiziellen Landessprache.3

Wie wirken sich also Reisebeschränkungen und Beschränkungen der Präsenzlehre auf den universitären Betrieb aus? Wie sehr verändern die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie den wissenschaftlichen Austausch? Welcher Schaden und welche Chancen entstehen für wen? Auch aus ganz eigenem Interesse haben wir Angehörige von Wissenschaftsbetrieben online und qualitativ befragt, welche Erfahrungen sie im vergangenen Jahr gemacht haben. Ihre Antworten stellen wir hier gesammelt in dem ersten von zwei Beiträgen vor.

Das Erasmus+-Programm der Europäischen Union ermöglicht es Angehörigen einer Hochschule oder eines Ausbildungsprogrammes eines Partnerlandes mit finanzieller Unterstützung für wenige Wochen bis mehrere Monate an einer ausländischen Hochschule oder sonstiger Einrichtung zu lernen und zu forschen. Hier hat der Ausbruch der Pandemie den internationalen Austausch erheblich eingeschränkt, da nach einer Umfrage im Auftrag der EU-Kommission insgesamt 75 % der Umfrageteilnehmer*innen im Erasmus-Programm angaben von der Pandemie betroffen bzw. beeinträchtigt zu sein. Hochgerechnet ergibt das circa 107.000 Studierende für das Jahr 2020. Die anderen 25 % gaben an kaum oder nur milde in ihrem Erasmus Semester von der Pandemie betroffen zu sein.

Ungefähr 2 von 10 Teilnehmenden, die angaben, von der Pandemie betroffen zu sein, mussten ihren Auslandsaufenthalt zeitweilig aufschieben. Ungefähr 36 % der betroffenen Umfrageteilnehmer*innen haben ihre Eramus Aktivität abgebrochen. Ihre Erasmus Tätigkeiten fortgeführt, allerdings mit veränderten Regelungen, zum Beispiel Online-Lehre, haben 42 % der 107.000 Betroffenen.4

Als eindrückliches Beispiel, dass die Pandemie die Pläne von Studierenden durcheinander bringt, dient auch unsere Kohorte. Nur zwei Kommiliton*innen konnten ihr Auslandssemester wie geplant im Herbst 2020 antreten – innereuropäisch. Mindestens sechs Kommiliton*innen hatten hingegen ein Auslandssemester geplant und teilweise auch schon Zusagen ausländischer Hochschulen erhalten (von 18 Studierenden insgesamt). Für viele wurde der Studienverlauf also mächtig durcheinander gewirbelt. Aus dem International Office der Philipps Universität Marburg des Fachbereiches 03 heißt es, dass geschätzt nicht mal halb so viele Bewerbungen wie üblich für ein Auslandsaufenthalt im Jahr 2021/22 eingegangen sind.

Die Hälfte der von uns schriftlich interviewten Studierenden gab an, ihre Auslandssemester abgesagt zu haben bzw. ihnen wurde von ihrer Empfängerinstitution abgesagt. So zum Beispiel einer Studierenden der Philipps-Universität Marburg, die eigentlich geplant hatte ein Semester an der Ateneo de Manila University zu verbringen.

“Mit dem Ziel der Eindämmung der Covid-19 Pandemie hat sich die Ateneo de Manila University dazu entschieden, das Studierendenaustauschprogramm für mindestens ein Semester (WS 20/21) – das Semester, zu dem ich hätte kommen sollen (ab August 2020) – zu pausieren.” – Studierende im M.A. IDS

Gleiches gilt für eine weitere von uns befragte Studierende. Ihr Summer School Programm in Georgien zum Thema “Kultur und Politik am Kaukasus” wurde vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) abgesagt. Auch ihr Auslandssemester in Kapstadt hat sie verschoben.

Dennoch bleibt sie guter Dinge: “Eigentlich bin ich froh, dass ich mein Auslandssemester verschoben habe. So kann ich hier [in Marburg] […] alles fertig machen und dadurch mein Auslandssemester besser planen. Außerdem kann ich mich länger drauf freuen.” – Studierende M.A. IDS

Andere, die zwar genauso von der Pandemie betroffen sind und ihre Studienerfahrungen im Ausland daher hinter dem Bildschirm machen, sind trotzdem aufgebrochen, da ihre vorrangige Motivation für den Auslandsaufenthalt das Erlernen bzw. Verbessern der lokalen Sprache ist. Eine Studentin der Universität Duisburg-Essen hat, der Pandemie zum Trotz, für ihre “fachliche, sprachliche und kulturelle Weiterbildung” ihr Masterstudium in Bogotá (Kolumbien) begonnen, ist jedoch auch an die Online-Lehre gebunden, welche ihr ein wenig ihr ingenieurwissenschaftliches Studium erschwert:

“Da alles auf Online-Veranstaltung umgestellt wurde, sind besonders Laborversuche und praktische Projekte zu kurz gekommen, die für die Ingenieurwissenschaften sehr wichtig sind.” – Studierende in Bogotá

Digitale Lehre zur Sicherung der Bildungsmöglichkeiten ist allerdings abhängig von der Infrastruktur und den zur Verfügung stehenden Endgeräten (Wir verweisen hierzu z.B. auf unseren Post über den Schulbetrieb in Kolumbien). Auf die Frage, welche Nachteile durch die Online-Lehre entstanden sind, teilt uns ein Professor einer Universität aus Bogotá Folgendes mit:

In meinem Land [ist ein Schaden] vor allem für Studierende mit wenig Ressourcen und solchen im ländlichen Raum entstanden.

Professor in Kolumbien

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Eine Professorin einer Universität in Barranquilla, Kolumbien, gibt an, dass sie inzwischen resigniert hat und versucht, das beste aus der Situation zu machen, auch wenn “die Studierenden quasi keine Ressourcen haben den Online-Kursen von zu Hause aus zu folgen.”

Der Schaden hier geht also über ein Aufschieben eines Auslandsstudiums hinaus und bedroht für einige essentiell das Recht auf Bildung.

Es zeigt sich also, dass die Bildungsmöglichkeiten auch und vor allem während dieser Pandemie höchst ungleich verteilt sein können und von der Ressourcenausstattung der Studierenden abhängt.

Die von uns befragten Studierenden sind nicht die einzigen, die teilweise ihre Pläne für ein Studium im Ausland geändert bzw. aufgeschoben haben. Eine globale Umfrage von Quacquarelli Symonds (QS), einem Dienstleister für globale Hochschulbildung, unter 66.000 voraussichtlich international mobilen Studierenden aus über 198 Nationen und Hoheitsgebieten, die zwischen Februar und August 2020 durchgeführt wurde, ergab dass im Durchschnitt 55 % dieser potentiellen international Studierenden ihre Pläne fürs Studium im Ausland verzögert bzw. aufs nächste Jahr verschoben haben. Die Erwartungen dieser Studierenden bezüglich des Beginns ihres Studiums im Ausland terminiert sich größtenteils auf das Jahr 2021 oder später. Im Mai 2020 gaben 29 % an, dass sie erwarten noch im Jahr 2020 zu beginnen. 48 % hatten ihre Erwartungen schon angepasst und gaben in der Umfrage an, dass es erst 2021 so weit sein würde. Die verbleibenden 23 % gaben an, dass sie erwarten im Jahr 2022 (13 %) oder im Jahr 2023 und später (10 %) mit ihrem Studium im internationalen Rahmen zu beginnen. Allerdings sinkt der Anteil derer, die erwarten, noch 2020 mit ihrem Auslandsstudium zu beginnen, bis zum Ende der Umfrage im August 2020 auf 19 %. Weiterhin erwartet ein Großteil (54 %) 2021 mit dem Studium zu beginnen, während der prozentuale Anteil derer, die erwarten erst 2022 wirklich beginnen zu können, um 4 %-Punkte steigt.5

Die QS-Umfrageteilnehmer*innen gaben mehrere Wunschziele für ihr Studium an, insbesondere das Vereinigte Königreich, die USA, Kanada, Deutschland, Australien und weitere. Hierbei liegen die deutschen Hochschulen auf Platz vier. Ziele bleiben also die “klassischen” Zentren der Wissenschaft in den industrialisierten Staaten des globalen Nordens. Der Zugang von ausländischen Studierenden zu diesem Wissenskapital wird aufgrund der Pandemie also zusätzlich eingeschränkt.

Gleichzeitig erwarteten einer Umfrage des DAAD zufolge im Juni 2020 57 % der deutschen Hochschulen ein rückgängiges Interesse von internationalen Studierenden im Wintersemester 20/21 in Deutschland zu studieren. Gut zwei von zehn Hochschulen gehen davon aus, dass sich der Andrang kaum ändern wird.6 Am Ende des gerade laufenden Wintersemesters werden wahrscheinlich aktuellere Zahlen vorliegen, die zeigen, ob die Erwartungen der Hochschulen erfüllt wurden und welche tatsächlichen Auswirkungen die Mobilitätseinschränkungen zur Eindämmung der Pandemie noch bis ins Jahr 2021 für den internationalen Hochschulbetrieb haben werden.

Den zweiten Teil des Posts findet ihr hier:

Quellen

  1. DAAD (2021) “Ausländische Studierende in Deutschland: Anzahl & Entwicklung”, online unter URL: https://www.daad.de/de/der-daad/was-wir-tun/zahlen-und-fakten/mobilitaet-auslaendischer-studierender/, zuletzt geprüft am 20.01.2021
  2. Heintz, B. (2016) „‚Wir leben im Zeitalter der Vergleichung.‘ Perspektiven einer Soziologie des Vergleichs“, Zeitschrift für Soziologie, 45(5). 305-323. – hier S.317f
  3. Van Weijen, D. (2012) “The Language of (Future) Scientific Communication” online unter URL: https://www.researchtrends.com/issue-31-november-2012/the-language-of-future-scientific-communication/ zuletzt geprüft am 20.01.2021
  4. EU Commision (2020) “Survey on the impact of COVID-19 on learning mobility”. online unter URL: https://ec.europa.eu/programmes/erasmus-plus/resources/documents/coronavirus-learning-mobilities-impact-survey-results_en
  5. Quacquarelli Symonds (QS) (2020) “The Coronavirus Crisis and the Future of Higher Education” online unter URL: https://www.qs.com/portfolio-items/the-coronavirus-crisis-and-the-future-of-higher-education-report/, zuletzt geprüft am 20.01.2021
  6. Kercher J., Plasa T. (2020) “Corona und die Folgen für die internationale Studierendenmobilität in Deutschland – Ergebnisse einer DAAD-Befragung von international Offices und Akademischen Auslandsämtern”, Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD)

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