„Wir brauchen Impulse, die aktiv in eine schönere Welt einladen und dafür brauchen wir Gesellschaftsentwickler:innen“

Wir brauchen Impulse, die aktiv in eine schönere Welt einladen und dafür
brauchen wir Gesellschaftsentwickler:innen

Gegenwärtig sind viele Wandlungsprozesse in der Gesellschaft zu beobachten. Wie wäre es, wenn Veränderung gezielt professionell begleitet und holistisch gedacht würde und die Disziplin dazu Gesellschaftsentwicklung hieße?

06.09.2022

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Was ist Gesellschaftsentwicklung?

Organisationsentwicklung ist wohl den meisten Menschen ein Begriff, aber was könnte Gesellschaftsentwicklung sein und was machen Gesellschaftsentwickler:innen? Wir arbeiten seit circa einem Jahr daran, die Disziplin der Gesellschaftsentwicklung hervorzubringen und uns darin selbst fortzubilden. Wir, das sind sieben Personen aus Berlin, Dresden und Kassel mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen (Friedens-und Konfliktforschung, Team-Organisations-und Kulturentwicklung, Coaching & Facilitation, Philosophie, Quartiersmanagement, Theater & Dramaturgie Schauspiel).

Ideengeber/Initiator und Gründer der Gruppe ist Simon Mohn, studierter Friedens-und Konfliktforscher, der die letzten Jahre im Bereich der gemeinnützigen Organisationsentwicklung gearbeitet hat. Mit der Gründung einer eigenen Organisation – Reinventing Society1 –, die mit utopischen Methoden für eine nachhaltige soziale und ökologische Transformation arbeitet, hat sich Simon viele Gedanken darüber gemacht, was es braucht, um einen nachhaltigen gesellschaftlichen Wandel anzustoßen und zu begleiten.

„Ähnlich wie eine Organisation hat eine Gesellschaft viele Teil- und Subsysteme (nur weitaus komplexer). Dies können Organisationen sein, aber genauso der Wohnblock um die Ecke, ein Familiensystem, eine Metropole, einzelne Menschen, Bündnisnetzwerke oder ganze Staaten. Gesellschaftsentwickler:innen hätten die Möglichkeit, auf ganz unterschiedlichen Ebenen bzw. in unterschiedlichen Systemen anzusetzen und konzertierte Entwicklungsprozesse darin zu begleiten“.2
Fabio Guerrero
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Ein Ergebnis seiner Visionssuche ist unsere erste selbstorganisierte Weiterbildungsgruppe. Wir treffen uns regelmäßig per Zoom sowie live und lernen uns als Menschen und als Gruppe kennen. Dabei widmen wir uns folgender Themenstellung: Was genau ist Gesellschaftsentwicklung und welche Fähigkeiten sollte ein:e Gesellschaftsentwickler:in haben? Gemeinsam bilden wir uns zwei bis drei Jahre als Gesellschaftsentwickler:innen aus und perspektivisch sollen weitere Cluster von jeweils circa 5-12 Personen entstehen.

Wir sind davon überzeugt, dass gesellschaftliche Veränderung nur mit gleichzeitiger persönlicher Entwicklung und Reflexion gelingen kann. Wir versuchen als Menschen und als Gruppe gemeinsam das zu leben, was es unserer Meinung nach in der Welt und im Umgang miteinander braucht: Verbundenheit statt Trennung. Dies ist ein beziehungsorientierter Prozess, in dem wir zum einen an uns selbst und unseren eigenen persönlichen Themen arbeiten, gemeinschaftliche Utopien für das Hier und Jetzt entwerfen, Beziehungsgeflechte untereinander sowie mit anderen weben, Veränderung vorleben und Prozesse begleiten.

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„Die Rückbesinnung und Anbindung an die eigenen Ursprünge sind zentrale Bestandteile von Gesellschaftsentwicklung“
 

 Dieses Zitat ist eine wichtige Erkenntnis eines unserer letzten Treffen, an dem wir uns die Frage gestellt haben, wodurch uns in Europa unsere Indigenität (verstanden als Ursprünglichkeit) verloren gegangen ist und inwiefern die Rückbesinnung auf unsere weit zurückliegenden Wurzeln zum einen ein zentraler Bestandteil unserer Arbeitsweise sowie ein möglicher Ausgangspunkt für einen Paradigmenwechsel der modernen Gesellschaften westlicher Prägung und Anstoß für dringende Entwicklungen sein könnten.

Wie kommen wir auf das Thema europäische Indigenität? Viele Menschen haben durch Reisen auf andere Kontinente und den Boom von indigenem Heilpflanzenwissen und Zeremonien, Berührungen mit indigenen Gemeinschaften gemacht. Zwei von uns – eine davon bin ich – haben in Guatemala und Kolumbien mit indigenen Gemeinschaften zusammengearbeitet und gelebt. Diese Erfahrungen mit indigenen Kosmovisionen (Maya in Guatemala und die der Kogi in Kolumbien) haben uns sehr geprägt sowie Anregungen für unsere eigene Lebensweise aufgeworfen.

Uns ist bewusst, dass wir als Deutsche sowie Europäer:innen qua unserer Herkunft und den damit verbunden Privilegien sowie historischen und epistemologischen Kontinuitäten des Kolonialismus, vorsichtig sein müssen, wie wir über andere Kontexte sprechen und die Lebensweise gerade von indigenen Völkern nicht romantisieren oder gar ihre Praktiken aus dem Kontext reißen, uns aneignen oder gar umdeuten. Seit den 1970/80er Jahren erleben wir eine aus dem linken Spektrum kommende Solidarität mit den politischen Kämpfen in Lateinamerika und anderen Kontinenten des globalen Südens, und seitdem die Menschenrechte ein solidarischer Bezugspunkt geworden sind auch im politischen Mainstream. Aber was bedeutet Solidarität in diesem Kontext eigentlich genau und wer bestimmt das? Gehen wir eigentlich mit denjenigen, mit denen wir uns solidarisieren darüber ins Gespräch, ob sie das in dieser Form so wollen?

Obwohl die Kritik postkolonialer Theorien darauf aufmerksam macht, schwingt vielfach ein überlegener Unterton mit, wenn wir Menschen aus dem globalen Norden versuchen uns mit Menschen und Kontexten zu verbinden, die nicht dem modernen Bild von sogenannter Entwicklung, Demokratie, Kapitalismus oder Menschenrechten entsprechen.

Können wir das überhaupt noch, uns ohne Wertungen und Stereotypen miteinander verbinden, in einen menschlichen, empathischen Kontakt miteinander gehen? Ich denke, dass wir zu Solidarität und ehrlicher Verbundenheit nur gelangen, wenn wir uns zu uns selbst hinwenden, sowie zu unseren verlorenen, verleugneten Anteilen, blinden Flecken und Widersprüchen – sowohl auf individueller wie kollektiver Ebene. Nur wenn wir uns wirklich bewusst machen, wer wir sind und aus welcher Position wir sprechen, uns mit der Erde und uns selbst verbinden – und nicht möglichst objektiv und neutral auf sie blicken, sind wir in der Lage Menschen in anderen Kontexten empathisch zu begegnen. Wenn es uns gelingt, unsere eigene Herkunft, auch die weit zurückliegende, mit all ihren Facetten als die unsere aufzuarbeiten und zu akzeptieren, können wir uns auf Augenhöhe mit denjenigen begeben, die sich ihrer Wurzeln und Herkunft sehr viel bewusster sind. Zwar verhalten wir uns kollektiv häufig „von oben herab“, doch wenn wir genauer hinschauen, geht es eigentlich darum, „von unten herauf“ auf Augenhöhe in Kontakt zu kommen. „Wir geben unser Wissen nicht an die weiter, die nicht wissen, woher sie kommen“ sagte ein Kogi-Ältester zu unserem Kollegen Lucas. Denn wer nicht weiß, wo er:sie herkommt, wird altes Wissen zweckentfremden. Unsere Bemühungen sollten sich also darauf fokussieren, ebenbürtige Partner:innen zu werden, um tatsächlich solidarisch agieren zu können.

Dies ist ein Grund, weshalb es sich lohnt, uns selbst zuzuwenden und der Frage nach zu gehen, wer wir sind und was mit unserer Indigenität passiert sein könnte. Inspiriert von dem Artikel „Reclaiming our Indigenous European roots“ von der Aktivistin Lyla Junes haben wir uns mit unserer eigenen Herkunft auseinandergesetzt und sind der Frage nachgegangen, wodurch „unsere Indigenität“ verloren gegangen ist.5

Dies haben wir an Hand eines Mappings sowie einer Aufstellungsarbeit gemacht. Unser Ziel war es, diverse Aspekte der europäischen (Gewalt)-geschichte darzustellen, indem wir co-kreativ historische Ereignisse auf Karten geschrieben und auf den Boden in Form eines Zeitstrahl gelegt haben – wissend, dass dies keine wissenschaftliche und vollständige Darstellung ist. Entstanden ist ein subjektives Gesamtnarrativ, bestehend aus vielen Puzzelteilen. Die Ereignisse reichen beispielsweise von der Erfindung der Zeit und ländlichem Besitz, über die Unterwerfung des weiblichen* Geschlechts bis hin zur Industrialisierung und den beiden Weltkriegen.

Uns war bewusst, dass wir im weiteren Verlauf unserer Arbeit die Frage nach Indigenität im deutschen / europäischen Kontext auch regional und kontextbezogen beantworten müssen, da Europa ein Konstrukt ist, unter dem unterschiedliche Länder mit jeweils spezifischer Geschichte, Ereignissen, Bezügen und Eigenheiten subsumiert sind. Entsprechend haben wir uns bei einem darauffolgenden Treffen einen regionaleren Fokus gewählt. Entlang der Fragestellung „Was wissen wir über die besonderen Eigenarten, Traditionen und Riten sowie die Geschichte einer für uns prägenden Region“ verengten wir den Fokus abermals. Die Annahme ist hier, dass ein gründliches Verständnis unserer Herkunft unterschiedliche geographisch-kulturelle Skalierungen in den Blick nehmen sollte.

Was bedeutet für uns in dem Kontext Indigenität und was bedeutet es überhaupt?

In Lateinamerika ist der Begriff pueblos indígenas, welcher übersetzt „indigene Völker“ bedeutet, ein emanzipatorischer Begriff der Selbstbeschreibung der indigenen Bevölkerung in Abgrenzung zu einem erobernden Akteur. Gemäß dieser Auffassung sind indigene Völker, „die von fremder Eroberung betroffenen Nachfahren der früheren Bewohner eines Gebiets, die überwiegend nach sozialen, ökonomischen, kulturellen Bräuchen leben, die sich von denen der dominanten Gruppe deutlich unterscheiden.“6 Zudem ist die Beziehung für indigene Gemeinschaften zu Territorium eine holistische mit geschichtlichen, kulturellen, spirituellen, wirtschaftlichen und politischen Dimensionen. Land ist für sie ein Raum, in dem sich das soziale Leben abspielt, die wirtschaftliche Produktion gemeinschaftlich organisiert und die politische Organisation geregelt wird. Gleichzeitig stellt das gemeinschaftlich bearbeitete Land den Bezug zum mystischen Raum der Vorfahren da. Juan Tiney beschreibt es als den Raum, in dem die Beziehungen mit den Vorfahren gestaltet werden und die Fußspuren sichtbar werden, die aus den Beziehungen der Gemeindemitglieder entstehen.7

Wir haben für uns festgehalten, dass Indigenität etwas Relationales ist, eine Lebensweise und Weltverständnis, in dem alles mit allem verbunden und Teil eines großen Ganzen ist. Es hat etwas mit Ursprünglichkeit zu tun, in Abgrenzung zu etwas (extern) auferlegtem und hat einen konkreten territorialen Bezug. Wenn alles mit allem verbunden ist, dann können Dinge nicht sequentiell aufeinander aufbauen, sondern nur aus sich selbst heraus, zirkulär entstehen, wie die Ringe einer Baumrinde. Somit haben wir es hier mit einem zirkulären Verständnis zu tun.

Für einen Umgang mit Herkunft und verlorengegangener Indigenität bedeutet dies, Zeit ebenfalls als zirkulär zu verstehen. Konkret gesprochen meint dies, dass sich die Ereignisse unserer kollektiven Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft strecken und darin eine Kreisbewegung beschreiben. Unsere Aufgabe wäre es also, unverheilte, „offene“ kollektive Verletzungen in unserer Herkunftsgeschichte zu benennen und nach Wegen zu suchen, sich verantwortungsbewusst und respektvoll um deren „Heilung“ zu kümmern. Dabei sind alle einschneidenden Ereignisse mit einzubeziehen, unabhängig davon, ob damals eine Täter:innenrolle oder Opferrolle vorlag (häufig ist beides der Fall, gerade wenn es um kollektive Geschichtserinnerungen geht). Auf der Suche nach einer guten „Heilung“ ist die Frage nach der Rolle natürlich entscheidend für den zu wählenden Umgang mit dem kollektiven Geschichtserbe.

Der US-amerikanische Friedensforscher John Paul Lederach hat in einem Buch mit seiner Tochter Angela „When blood and bones cry out – Journeys through the soundscape of Healing and Reconciliation“ wichtige Überlegungen zu dieser Thematik in Bezug auf kollektive Heilungs- und Versöhnungsprozesse aufgestellt. Er beschreibt Heilungsprozesse als zirkuläre Phänomene, da auch Gewalterfahrungen keine linearen Ereignisse sind:

“Lived community experience (….) is a dynamic context in which people simultaneously live and face elements of both conflict and peace; a context in which reconciliation and healing are embedded. This suggests that healing and reconciliation may be better captured through images that are less like linear progression and more akin to phenomena that contain yin/yang-like characteristics and relationships.”
John Paul Lederach
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Für unsere Arbeit als Gesellschaftsentwickler: innen waren entscheidende Erkenntnisse, dass unsere modernen Gesellschaften ihre eigenen Ursprünge und Indigenität verloren haben und dass deshalb die Rückbesinnung und Anbindung an die eigenen Ursprünge zentrale Bestandteile unserer Arbeit sein müssen. Konkret kann dies etwa bedeuten, dass die Arbeit mit Vergangenheit, Erinnerung, Trauerprozesse und Ritualsarbeit ein Bestandteil unserer Begleitung sein kann. Im Kontext der deutschen Vergangenheit und der aktuellen Situation in der Ukraine, welche gerade zu Beginn mit einer unerwarteten Wucht, die kollektiven traumatischen Erinnerungen an die Situation in Europa zu Beginn und während des Zweiten Weltkrieges, in unsere Köpfe, Körper und Emotionen gebracht hat, erscheinen mir diese Arbeit und Erkenntnisse wichtiger denn je. Uns ist bewusst, dass wir noch ganz am Anfang unserer Erkenntnisreise stehen und sie für die Leser:innenschaft neu und möglicherweise befremdlich sein kann. Auch für uns sind unsere Erkenntnisse manchmal befremdlich, mindestens überraschend. Doch dafür haben wir uns auf eine Experimentierreise eingelassen, Ausgang ungewiss. Ich freue mich im Namen unserer Gruppe, wenn die hier geteilten Gedanken mit offenen Ohren und erstmal ohne zu urteilen gelesen und für sich als Prozess, der sich weiter entwickeln wird, stehen gelassen werden kann. Über Gedanken, Impulse und konstruktives Feedback freuen wir uns!

Autorin:
Jana Hornberger – Gesellschaftsentwicklerin

Quellen

  1. Zentrum für Realutopien: https://www.realutopien.de/. Rev 02.06.2022.
  2. Mohn, Simon: Von der Organisationsentwicklung zur Gesellschaftsentwicklung. Aus: https://socius.de/von-der-organisationsentwicklung-zur-gesellschaftsentwicklung/ Rev 02.06.2022.
  3. June, Lyla: Reclaiming our Indigenous European Roots. Aus:
    https://moonmagazineeditor.medium.com/lyla-june-reclaiming-our-indigenous-european-roots-64685c7fc960.
  4. Gurr, Ted R. und Pitsch, Anne (2002): Ethnopolitische Konflikte und separatistische Gewalt. In: Heitmeyer, Wilhelm, Hagan, John (Hrsg.) (2002): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Westdeutscher Verlag. S. 287-312.
  5. Tiney, Juan (2010): Tierra y territorio desde la cosmovisión del pueblo maya. Aus: Carea Guatemala Reader. e.V. Berlin.
  6. Fehlt
  7. Fehlt

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